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Das Zwitterwesen und die großen Irrtümer

Von Rainer Wochele

Es mag unter den Zeitungsverlegern den einen oder anderen geben, der da glaubt, wie er seine Redakteurinnen und Redakteure bezahlt, das sei ausschließlich seine Privatsache, das gehe, jenseits von tariflichen und gewerkschaftlichen Bedingtheiten, nur ihn etwas an – und allenfalls noch die Betroffenen. Ein Irrtum. Ein großer Irrtum. Denn Verleger und Journalisten stellen ein Produkt her, die Tageszeitung eben, das auf faszinierende Weise doppelgesichtig ist. Einerseits hat es Warencharakter, Dingcharakter, andererseits wirkt es mit seiner geistig-sprachlichen Dimension, die sein Herzstück ist, seine Seele sogar, tief hinein ins Gesellschaftliche. Und dies geschieht, indem dieses großartige Zwitterprodukt tagtäglich, wir wissen es, Wirklichkeit spiegelt, klärend und erklärend sich äußert etwa über Politik, Kunst, Wirtschaft, Sport, auch in Kommentaren, Glossen, Leitartikeln Sichtweisen, Interpretationsmöglichkeiten, wertende Zuordnungsmuster dafür anbietet, wie denn dieses und jenes in der großen Welt und in der kleinen Stadt zu beurteilen sei. Somit ist dieses wunderbare Doppelding mit seiner Eigenständigkeit (unabhängig von verschiedener politischer Ausrichtung, wie sie der Tendenzschutzparagraf als hohes Gut ermöglicht) unverzichtbarer Bestandteil unserer Demokratie. Und dies insbesondere dann, wenn die Tageszeitung mit Qualitätsjournalismus aufwartet, nicht nur affirmativ, leutselig, trendverstärkend daherkommt, sondern genau hinschaut, sich erinnert, Werte ins Recht setzt, Wahrheit sucht und gelegentlich findet, als vierte Gewalt die Macht kontrolliert.

Genau an diesem Punkt endet die vermeintliche Privatangelegenheit der Verleger, die meinen, ob man in Zukunft das Gehalt von journalistischen Berufseinsteigern um fünfundzwanzig Prozent kürzt, ob man all den Redakteurinnen und Redakteuren, vereinfacht gesprochen, das Gehalt um fünf Prozent vermindert, das gehe die Öffentlichkeit nichts an. Ein Irrtum, ein großer Irrtum eben. Denn nur gute Journalisten können in personell gut ausgestatteten Redaktionen guten und gesellschaftsrelevanten Journalismus liefern. Und gute Journalisten muss man gut bezahlen. Oder soll etwa der Zusammenhang zwischen Bezahlung und Leistung, wie er von jedem hochdotierten Manager (auch in der Verlagsbranche) für sich in Anspruch genommen wird, hier nicht gelten? Oder vertreten die Verleger etwa unausgesprochen die Ansicht, die Journalisten hätten bei bester Leistung miese Bezahlung zu akzeptieren? Oder muss man die dreisten und unverfrorenen Kürzungsabsichten so deuten, dass sie für schlechte Bezahlung auch schlechte Leistung, sprich: schlechten Journalismus, sprich: schlechte Zeitungen in Kauf nehmen wollen? Dies wäre fatal und müsste all jene auf den Plan rufen und zur Solidarität mit den immer wieder in Warnstreiks tretenden Journalisten veranlassen, die ein existenzielles Interesse an gutem Journalismus haben müssen, also die Politiker, also die Künstler, also die Wirtschaftsleute, die Sportgrößen. Schon gibt es Anzeichen dafür, dass aufwendiger, werteorientierter, großwürfiger investigativer Qualitätsjournalismus aus den Zeitungen abwandert und bezeichnenderweise ins alte langsame Medium Buch oder ins schnelle Internet geht, wie etwa die Reportagebände und die Internetzeitung der Journalisten um Josef-Otto Freudenreich zeigen.

Und noch ein Irrtum mag sich in den Köpfen mancher Verleger eingenistet haben und dort mächtig wuchern. Der Irrtum nämlich, es gebe für Verleger so etwas wie ein Lebensrecht auf hohe Rendite. Nun ist es gewiss wahr, dass manche Zeitungsverlage in Existenznöten sind. Aber ebenso wahr ist, das Zeitungskonzerne in der Vergangenheit riesige Anteilstranchen von anderen Verlagsunternehmen gekauft haben. Wahr ist eben auch: man kann, ja, man muss den Zeitungsverlegern zumuten dürfen, dass sie halt schlicht und einfach etwas weniger Gewinn machen, dafür aber journalistische Qualität erhalten. Verhungert ist noch kein Zeitungsverleger. Aber das öffentliche demokratische Leben, die öffentliche demokratische Debatte können verhungern ohne gut Tageszeitungen. Um der Rendite willen darf Qualitätsjournalismus in ausreichend besetzten Redaktionen nicht kaputtgespart werden. Käme es so, müssten sich die Verleger den Vorwurf gefallen lassen, sie hätten um des Geldes willen der Demokratie eines ihrer Lebenselixiere entzogen, ja, sie wären Demokratie-Ruinierer. Und dies vielleicht nur wegen des neuen Sportwagens, wegen der neuen Villa im Tessin oder der noch größeren Yacht auf dem Bodensee. Ja, ja, weiß schon, sind die alten Vorurteile. Aber wenn man genau hinschaut, sind es auch die alten Wahrheiten.

Zur Person:
Rainer Wochele ist freier Schriftsteller in Stuttgart. Mitglied im Schriftstellerverein VS und im internationalen Autorenverband P.E.N. Zuletzt veröffentlichte er den Roman „Der General und der Clown“ über den Völkermord in Ruanda. Im Frühjahr 2012 erscheint der Roman „Karriere, Karriere“ bei Klöpfer und Meyer.

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

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