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Doch lieber Lehrer?

Von Klaus Dremel*

Die Leser baden-württembergischer Zeitungen müssen sich weiter auf dünne Ausgaben einstellen. Der Grund: die Journalisten setzen ihren Streik fort. Zuletzt haben sie das mit einer Busfahrt von Stuttgart nach Oberndorf gemacht, zum Sitz des „Schwarzwälder Boten“. Ein Reisebericht.

Ich hätte nicht Journalist werden müssen. Gymnasiallehrer wäre auch gegangen. Vielleicht sogar Unternehmensberater oder irgendetwas in einem Ministerium. Meine Ausbildung hätte all das hergegeben. Aber es kam anders. Und jetzt sitze ich mit 60 anderen Journalisten in einem Bus, und wir fahren zum Streik.

Lehrer und Ministeriale dürfen nicht streiken, Berater tun das sowieso nie, und auch Journalisten haben normalerweise etwas gegen Arbeitskampf. Meist sind sie zurückhaltend. In ihrem Innern fühlen sie sich oft ein bisschen elitär, denn in ganz Deutschland gibt es nur 14 000 von ihnen, und außerdem erklären sie den Menschen mit ihren Artikeln jeden Tag die Welt. Wer macht das sonst schon? In der Masse mitlaufen, Fahnen schwingen, Parolen skandieren und einsilbige Forderungen stellen ist ihnen suspekt. Deswegen sind Journalisten in der Vergangenheit selten auf die Straße gegangen. Und deswegen fühlt es sich sonderbar an, zum Streik zu fahren.

Unser Bus fährt nach Oberndorf am Neckar. In Oberndorf hat nicht nur der Sturmgewehrbauer Heckler & Koch seinen Sitz, sondern auch der „Schwarzwälder Bote“. Dessen Geschäftsleitung um den Verleger Richard Rebmann schießt neuerdings auch gerne aus der Hüfte. Zum ersten März 2011 ist der Schwabo, wie die Bevölkerung ihre Heimatzeitung gerne nennt, ziemlich überraschend aus den für Zeitungshäuser einschlägigen Tarifverträgen ausgetreten. So ziemlich alles was die Zeitung ausmacht – die gesamte Redaktion und die Anzeigenabteilung –, ist in eigenständige Gesellschaften ausgegliedert worden. Was das bedeuten könnte, ist allen, die jetzt im Bus nach Oberndorf sitzen, klar: unsichere Jobs, mehr Druck, wahrscheinlich längere Arbeitszeiten oder weniger Gehalt. „Vielleicht sogar alles zusammen“, sagt eine Redakteurin, die neben mir im Bus Platz genommen hat, ihren Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen möchte.

Beim Schwabo der erste Streik seit 176 Jahren

Vor allem aber könnte Oberndorf mit seinem altehrwürdigen Schwabo zu einem Symbol werden, zu einer Blaupause für eine grundsätzliche Umgestaltung der Zeitungslandschaft in ganz Süddeutschland. Denn Schwabo-Verleger Rebmann ist als Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medienholding auch Herrscher über Blätter wie die „Stuttgarter Zeitung“, die „Stuttgarter Nachrichten“ und die Münchner „Süddeutsche Zeitung“. „Was beim Schwabo passiert, das kann uns auch drohen“, mutmaßt meine Nebensitzerin, die aus einer Stuttgarter Redaktion angereist ist.

Thomas Ducks hat ähnliche Befürchtungen. Ducks ist Betriebsratschef beim Schwabo und Vizechef der Mitarbeitervertretung im gesamten Rebmann’schen Zeitungsimperium. Er steht auf dem kleinen Platz vor der Schwabo-Redaktion mitten in Oberndorf. Vor ihm haben sich 250 Redakteure versammelt, aber auch Drucker und Verlagsangestellte sind gekommen – aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt, aus Böblingen, Waiblingen, Leonberg und Esslingen. Ein paar halten Plakate hoch. „Stopp Lohn- und Preisdumping“, steht da drauf oder: „Unsere Arbeit ist mehr wert.“

Wenn jetzt der Schwabo, im 176. Jahr seines Bestehens, zum ersten Mal in Streik trete, sei das ein Schritt, der längst überfällig sei, ruft Ducks in die Menge. Es müsse endlich etwas dagegen unternommen werden, dass Journalismus „zur Ramschware verkommt. Wir sind nicht der Steinbruch für die Renditeträume der Verleger“, ruft Ducks. Und die Redakteure trillern in Maximallautstärke zurück.

Im Süden geht es den Verlegern immer noch bestens

So viel Unmut, so viel Entschlossenheit habe ich bei den sonst so zurückhaltenden Schreibtischtätern noch nie gesehen. Später, in einer Versammlung zur weiteren Strategie des Arbeitskampfes, werden sie die Gewerkschaften Verdi und den Deutschen Journalistenverband ziemlich hart angehen, wegen deren zu zögerlichem Verhalten bei den derzeitigen Tarifauseinandersetzungen. Viele sehen den Journalismus am Scheideweg, und daher lautet das Motto: „Jetzt raus auf die Straße oder nie mehr.“ Kaum einer, der mehr mäßigend einwirkt. So viel Frust, so viel Ärger. Das war noch nie! Thomas Ducks jedenfalls hat den Nerv der Leute getroffen, denn längst geht auch in großen Verlagshäusern die Angst vor dem Rotstift um.

Zeitungen haben seit geraumer Zeit ein Problem. Das ist allen hier klar. Seit über das Internet Gratisnachrichten frei Haus und immer aktuell auf die Bildschirme flimmern, greifen immer weniger Leser zur Tageszeitung. Mit den Auflagen sinken die Werbeeinnahmen. Der Spruch, den ältere Redakteure schmunzelnd im Gang erzählen, dass in Deutschland nämlich nirgends so viel Geld gemacht werden könne wie in der organisierten Kriminalität und in Verlagen, gilt nicht mehr. Glaubt man dem, was immer mal wieder aus den verschwiegenen Verlegerzimmern hervordringt, machen aber zumindest die gut geführten Häuser und jene im strukturstarken Süden der Republik immer noch viel Geld. Mitunter weit mehr, als in der Industrie verdient wird.

Dennoch ist der Verfall der Branche spürbar. Dass es aber vor allem die Arbeitnehmer sind, die das auszubaden haben, leuchtet vielen nicht ein. Immerhin hätten die Verlage tatenlos zugesehen, wie lukrative Automobil- und Immobilienanzeigen ins Internet abgewandert seien, heißt es. Und Zukunftstrends wie bezahlten Inhalten für Tablet-PCs und Smartphones stehe die Branche ratlos gegenüber. „Sollen nur wir bezahlen für Fehler, die ganz oben gemacht werden?“, fragen sie sich hier.

Verdienst wie ein Ingenieur? Das ist lange her

An Lohnabschlüsse, die die Inflation wettmachen, können sich jedenfalls nur noch die ganz Altgedienten erinnern. Anfang der 90er-Jahre verdiente ein junger Redakteur so viel wie ein junger Ingenieur. Heute startet ein angehender Journalist nach Studium und viel praktischer Erfahrung mit 1755 Euro pro Monat ins Berufsleben. Fünf Jahre muss er insgesamt warten, bis er die 3000-Euro-Marke überschreitet – brutto. Wenn er sich eine kleine Eigentumswohnung leisten kann, kauft sich sein ehemaliger Schulkollege, der BWL oder Maschinenbau studiert hat, ein Haus.

Jede Woche schenkt der Redakteur seinem Verleger zwischen fünf und zehn Stunden Arbeitszeit, weil die Arbeit, die in einer gewöhnlichen Redaktion einer Regionalzeitung mit der ausgedünnten Mannschaft zu erledigen ist, in den tariflich geregelten 36,5 Stunden einfach nicht zu machen ist. Stempeln, wie das sein Kollege aus dem Konstruktionsbüro für gewöhnlich tut, kann er nicht. Dazu kommen Termine bis spät in die Nacht und regelmäßig Dienst an Wochenenden.

Um im Kampf mit dem Internet nicht noch schlechter dazustehen, muss in den Schreibstuben auch alles immer noch schneller gehen. Gleichzeitig muss aber noch hintergründiger recherchiert werden, um die gefragten Exklusivgeschichten vorweisen zu können. Viele halten das nicht mehr aus. Burn-out ist ein Phänomen, das es wahrscheinlich in fast jeder Redaktion gibt. Meistens trifft es ältere Kollegen. Allein in meiner Zeitung zwei in den letzten zwei Jahren.

Wie es um die Arbeitsbedingungen steht, spricht sich mittlerweile auch bei den Jüngeren herum. Leitende Redakteure sagen, die Zahl der Bewerber auf offene Stellen gehe zurück. Manchen fällt auf, dass sich fast nur noch Frauen für den Journalistenjob interessieren. Soziologen begründen das Phänomen damit, dass Männer viel sensibler auf Veränderungen im Gehaltgefüge achten. Wenn ihnen ein Job finanziell unattraktiv erscheint, orientieren sie sich weitaus schneller um als Frauen. Wenn das so stimmt, geht den Zeitungen, deren wichtigster Trumpf gegenüber der Netzwelt die Qualität der Beiträge darstellt, damit die Hälfte des gut ausgebildeten Nachwuchses flöten.

Volontäre gehen geschlossen auf die Straße – ein Novum

Und es kann noch schlimmer kommen. Um 25 Prozent sollen die Einstiegsgehälter für Nachwuchsschreiber nach dem Willen der Zeitungsverleger sinken. In Zeiten, in denen es in der Chemiebranche und im Einzelhandel satte Tarifsteigerungen gibt, sollen die bestehenden Zeitungsbelegschaften auf mindestens fünf Prozent ihres Gehalts verzichten, und die betriebliche Altersvorsorge soll unters Messer. Dass der Präsident des Bundesverbands deutscher Zeitungsverleger, Helmut Heinen, da jüngst in einem Zeitungsinterview von „überzogenem Gejammere“ geredet hat, treibt viele, die bisher nie gemurrt haben, auf die Straße – und in die Arme der Gewerkschaften.

Besonders die Jungen rennen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und dem Deutschen Journalistenverband die Türen ein. Bei der Warnstreikwelle, die besonders Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen überrollt, berichten die Organisatoren immer öfter von Volontären, die „geschlossen mitstreiken“ – ein Novum, denn wenn die Übernahme auf dem Spiel steht, hält sich die Kampfeslust normalerweise in Grenzen.

Auch auf dem Platz vor dem Schwabo-Gebäude in Oberndorf stehen mindestens 15 Schreiber-Novizen. Einigen hat der Chef sogar abgeraten mitzufahren. „Ich habe aber gar keine andere Wahl“, sagt ein 26-jähriger. Er trägt ein schwarzes Verdi-T-Shirt mit Kampfparolen drauf und hat ein Fähnchen in der Hand. „Wenn das so weitergeht, sehe ich in dem Beruf keine Perspektive mehr. Vielleicht hätte ich doch Lehrer werden sollen.“

* Die Redaktion hat den Namen des Autors in Klaus Dremel geändert, um ihm Ärger zu ersparen.

Ursprünglich erschienen bei Kontext:Wochenzeitung

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Stuttgarter Journalisten im Streik

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