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Autorentexte

Es geht um die Spielregeln der Demokratie

Die Bezahlung der Journalisten ist keine Frage von Luxus – die Zukunft einer ganzen Branche steht auf dem Spiel

Von Joe Bauer

In vielen Liedern besingt man den Eisenbahnmann. Seine Lokomotive pfeift schon lange nicht mehr, die große Zeit, als man sie mit Kohle fütterte, ist vergessen. Der Heizer liegt beerdigt an den Gleisen, er lebt nur noch in einem Countrysong. Der elektrische Zug rast vorbei. In unseren Radiosendern für Gestrige warnt bis heute ein 70er- Jahre-Hit die Kundschaft, sich mit Eisenbahnern einzulassen: „Never Marry A Railroad Man“. Schienen bedeuten Einsamkeit und Tränen… bum, bum, bum.

Der Teufel weiß, warum mir der Eisenbahner durch den Kopf geht, wenn gestreikt wird. Vermutlich weil der Zug wirklich stehen bleibt, wenn der Eisenbahner die Arbeit niederlegt. Weil sich der Eisenbahner womöglich bis heute im Arbeiterlied des Stuttgarter Revolutionsdichters Georg Herwegh wiederfindet: „Alle Räder stehen still, / Wenn dein starker Arm es will.“

Damit sind wir in der Gegenwart. Eisenbahnerstreiks begreifen viele Leute – mit den Regeln der Demokratie nicht vertraut – als nationales Unglück, sie nehmen die Sache persönlich. Wütend warten sie am Bahnsteig auf den Zug und schimpfen in die Kamera der „Tagesschau“. An diese Bilder denke ich, wenn ich mich frage: Wozu streikt man heute noch? Hat dieser Arbeitskampf noch einen Sinn, wenn der starke Arm die Räder nicht zum Stillstand bringt?

„Das Hirn einschalten, wenn etwas faul ist im Staate“

Manchen Leuten mag die gute alte, immer aber neu gemachte Zeitung vorkommen wie die Dampflok, die überholt wird von Elektrozügen, die in in tiefergelegte Bahnhöfe rasen. So simpel ist es nicht. Die Zeitung von heute, die Texte und Bilder mit dem schönen Soundtrack raschelnden Papiers liefert, ist ein wichtiges Medium. Und im Gegensatz zu anderen Computerprodukten eines, hinter dem lebendige und wache Köpfe stecken. Menschen aus Fleisch und Blut. Diese Leute haben einen Auftrag, nämlich die Dinge zu kontrollieren, ihre Laptops und Digitalkameras – vor allem aber ihr Hirn einzuschalten, wenn etwas faul ist im Staate, der bei Gott nicht immer Dänemark heißt.

„Qualität kostet Geld, vor allem im Journalismus“

Aus gutem Grund hat man den Journalismus in der Bundesrepublik als vierte Macht ausgerufen, als Kontrollinstanz neben Legislative, Exekutive, Judikative. Um faule Dinge aufzudecken, gibt es den investigativen Journalismus. Eine Methode, die mit extrem hohem Anspruch und Aufwand verbunden ist. Man kann auch das Lied vom detektivischen Journalismus singen. Der Redakteur, der Reporter, muss einer sein mit Neugierde für das Leben, für seine Stadt, mit Gefühl für die Menschen. Und er muss wissen, dass es schwieriger ist, die Nase im Wind zu haben, als sie oben zu tragen. Sonst ist der Berichterstatter nicht nur im Kabarett ein Bericht-Bestatter. Qualität kostet Geld, dieses Gesetz gilt vor allem im Journalismus.

Um gut zu berichten – um präzise zu informieren und originell zu unterhalten – braucht man gut ausgebildete Frauen und Männer. Leute, die ihren Job verdammt ernst nehmen, die Zeit und Nerven investieren. Diese Kollegen wiederum brauchen Lebenspartner, Freunde, die es tolerieren, wenn der Eisenbahnmann unterwegs ist, um ein paar Kohlen aus dem Feuer zu holen.

Mit romantischen Vorstellungen vom rasenden Reporter hat das nichts zu tun. Es geht darum, die finanzielle, die existenzielle Basis des Journalisten zu erhalten. Seinen Auftrag zu sichern. Darum streiken wir. Und nicht, weil wir scharf darauf sind, mehr Kohle einzustreichen. Manche Leute wundern sich, warum viele Journalisten bis heute Urlaubs- oder Weihnachtgeld beziehen. Kaum einer weiß, dass diese Gelder nicht als Luxus erkämpft wurden. Vielmehr haben uns einst die Verleger diese Leistungen zugestanden, um außergewöhnlichen Arbeitszeiten, nicht regulierbaren Arbeitsabläufen und vor allem journalistischem Engagement gerecht zu werden. Fantasie, Zuverlässigkeit und Haltung kann man nicht mit der Stechuhr herstellen.

Am Ende meiner kleinen Betrachtung muss noch einmal der Eisenbahnmann ins Spiel. Es stimmt, wenn Sie sagen: Die Räder stehen nicht mehr alle still, wenn heute die Kollegen aus den Redaktionen, aus den Verlagshäusern und Druckereien streiken. Diese Wirkung kann der Streik als gesetzlich verankertes Arbeitskampfmittel im Digital-Zeitalter nicht erzielen. Aber ein Streik ist nicht nur dazu da, die Produktion zu stoppen, dafür zu sorgen, dass die Zeitung als Notausgabe und wie ein Kaufhaus-Flyer den Briefkasten verstopft. Der Streik ist heute eine demokratische Demonstration der Arbeitnehmer, um die Spielregeln der Demokratie zu überwachen, zu schützen und aufrechtzuerhalten. Deshalb, das räume ich ein, muss man die Frauen und Männer, die sich darum kümmern, nicht gleich heiraten.

https://www.facebook.com/zeitungsstreik

Die vollständige Streikzeitung findet sich hier

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

Diskussionen

2 Gedanken zu “Es geht um die Spielregeln der Demokratie

  1. Ich weiß es ist ein Blog und ich weiß, dass man an ein solches Medium keine außerordentlichen Qualitätsansprüche stellen darf, was beispielsweise das fortwährende gespannende Lesen anbelangt.

    Ich weiß jedoch auch, dass dieser Text von einem Redaktionsmitglied der Stuttgarter Zeitung bzw. der Stuttgarter Nachrichten verfasst wurde, seines Zeichens also einem Profi im Verfassen von Texten. Sollte man zumindest meinen, wenn er das Geld, um das er hier zu kämpfen versucht, wirklich verdient habem sollte.

    Wenn ich allerdings diesen Text lese, frage ich mich ernsthaft, wofür hier der schnöde Mamon fließen soll. Ich bin selbst freier Journalist für Print, Web und Radio, einer aus der verhassten Crossmedia-Jugend und angenommen, ich würde meinen Auftraggebern einen Beitrag in dieser Qualität liefern, sollte ich demnächst die Branche wechseln. Geld lässt sich so nämlich keines verdienen wage ich zu behaupten.

    Wenn die lieben Kollegen also schon streiken, was ich an und fürsich für eine super Sache halte, besonders bei den dargelegten Gründen der Verleger und deren angestrebten Kürzungen, würde ich mir nur wünschen, dass sie zumindest einen gewissen Qualitätsanspruch wahren, selbst wenn es nur ein kleines, begleitendes Medium, wie ein Blog ist.

    Denn für Qualität wollen wir doch auch alle bezahlt werden, oder?

    Verfasst von Luca | 20. Juli 2011, 01:42
  2. @LUCA
    Was das „fortwährende gespannende Lesen anbelangt“, ist Ihr Beitrag ein echter Volltreffer, insbesondere gemessen an Ihre offensichtlich hohen Qualitätsansprüche, die Sie freilich nicht recht zu explizieren wissen. In puncto „argumentativer Stringenz“ oder „sprachlicher Klarheit“ muss Ihnen da mal was entgangen sein. Macht ja nix, ist ja in „Print, Web und Radio“ eh wurscht.

    Nur mal ne Frage: Halten Sie – siehe Ihren Eingangssatz – die Hilfe des google-Translators bei der Übersetzung vom Deutschen ins Deutsche wirklich für hilfreich? Das würde freilich so manches erklären… und den Streik ganz allein mit der Aussicht auf solche Qualitätsaussagen wie den Ihren rechtfertigen.

    Verfasst von Uwe Horst Pfeifer | 20. Juli 2011, 12:46

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