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Der Journalismus und die Graswurzel

Von Lukas Jenkner

Mittwochabend in der Bezirksbeiratssitzung im Rathaus von Bad Cannstatt: Es ist 20.30 Uhr, eigentlich ist die gesetzlich vorgeschriebene Grenze meiner täglichen Arbeitszeit von maximal zehn Stunden bereits seit einer halben Stunde überschritten. Doch die Lokalpolitiker haben sich an einem Thema festgebissen, ein Ende ist nicht abzusehen. Würden die Kollegen von den anderen Zeitungen und Wochenblättern mit mir auf ihr Recht pochen, dann würde kein Leser etwas davon erfahren, was in dieser Sitzung nach 20 Uhr gesprochen worden ist, jedenfalls nicht aus erster Hand.

Oft wird von der Graswurzeldemokratie gesprochen, in den Stuttgarter Bezirksbeiräten wird sie praktiziert. Dort geht es nicht um Staatspleiten, sondern um die Mülltonnen oder den Kindergarten vor der Haustüre, was den Leser aber mindestens genauso interessiert. Während sich jedoch um die großen Weltnachrichten täglich viele Menschen kümmern und einen Nachrichtenfluss garantieren, kämen die Bezirksbeiräte in der Öffentlichkeit ohne meine Kollegen und mich nicht vor. In solchen Momenten nehme ich meine Aufgabe als richtig und wichtig wahr.

Wenn mir abends um halb neun solche Gedanken durch den Kopf gehen, dann habe ich bereits einen regulären Arbeitstag hinter mir: Ich verbringe viel Zeit in meinem Stadtbezirk Bad Cannstatt, schaue nach, ob es den kleinen Händler an der Ecke noch gibt, oder wo gerade an welcher falschen Stelle eine Straße aufgerissen wird. In der Redaktion durchforste ich die Einladungen zu Ausstellungseröffnungen, die Mitteilungen der lokalen Parteiorganisationen und die Leserbriefe von Eltern, die keinen Hortplatz für ihr Kind bekommen. Die wichtigen Themen recherchiere ich sofort, ansonsten bereite ich sie vor für die Beilage „Bad Cannstatt & Neckarvororte“, die einmal in der Woche freitags in der Stuttgarter Zeitung und in den Stuttgarter Nachrichten erscheint.

Für diese Beilage schreibe ich viele Artikel selbst, vergebe weitere Themen an freie Mitarbeiter und produziere die Seiten. Der Verlag hat erkannt, dass die Leser Nachrichten aus ihrem Stadtbezirk, ihrem unmittelbaren Umfeld also, besonders schätzen und vor gut einem Jahr das redaktionelle Angebot deutlich ausgeweitet – mit so großem Erfolg, dass diese Beilagen künftig dreimal in der Woche erscheinen sollen.

Mich freut das, weil es eine schöne Bestätigung meiner Arbeit ist. Auch wenn ich dann noch mehr abends unterwegs sein werde – ich mache das gern, weil ich Nachrichten habe, die den Leser direkt angehen und die sonst niemand hat. Ich bin gerne da, wo etwas passiert und wo ich interessante Menschen treffe, über die es sich lohnt, zu erzählen – weil ich dafür sorge, dass diese Menschen, von denen sonst niemand wüsste, öffentlich wahrgenommen werden. Für ein funktionierendes Gemeinwesen ist das unverzichtbar.

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

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