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Rupert Murdoch und wir

Von Julia Schröder

Die Redakteure und freien Journalisten der Tageszeitungen sind im Streik. Nicht jeder hat dafür Verständnis. Es treffe nur die Abonnenten, murren die Abonnenten – verständlicherweise. Sie bekommen weniger Zeitung für dasselbe Geld, und das tagelang. Auch die Anzeigenkunden sind nicht zufrieden mit dem Umfeld, in dem sie sich wiederfinden. Die Konzertveranstalter, die Theaterchefs, die Kinobetreiber verzweifeln, weil ihre Konzerte und Premieren nicht mit qualifizierten Kritiken gewürdigt werden, und über den VfB berichtet nicht der bekannte Sportreporter, sondern die dpa.

Das schadet auf die Dauer allen Beteiligten. Sollen wir also am besten alle nach Hause bzw. zur Arbeit gehen und den Dingen ihren Lauf lassen?

Nein. Denn bei diesem Streik geht es nicht nur um die geplanten Gehaltskürzungen für Redakteure, es geht um viel mehr. Es geht darum, wie der Journalismus in diesem Land künftig aussehen und wie er seine Aufgabe in der Demokratie wahrnehmen soll. Deutschland ist nicht Großbritannien. Wir haben keine Königin, dafür haben wir eine Verfassung. Und wir haben keinen Rupert Murdoch. Der hat die Macht seines Medienimperiums auf Zeitungen gegründet, die alle Grundsätze über den Haufen geworfen haben, nicht nur die des journalistischen Anstands. Seitdem das nun endlich herausgekommen ist – einem furchtlosen Journalisten der Zeitung “The Guardian”  sei Dank –, entwickelt sich im Vereinigten Königreich eine regelrechte Staatskrise.

So weit ist es in Deutschland noch nicht. Es ist aber nicht unbedingt gesagt, dass das so bleibt. Der Name Murdoch steht für ein Unternehmertum, das Zeitungen hauptsächlich, vielleicht ausschließlich, als Profitcenter begreift. Dafür musste seinen Chefredakteuren, von deren Umtrieben er, wie er dem britischen Parlament weismachen wollte, nichts geahnt hat, jedes Mittel recht sein. Murdochs willige Helfer haben sich für ihre Lausch-, Hack- und Spitzeldienste vermutlich gut bezahlen lassen. So kommt man auch mit Journalismus ökonomisch auf einen grünen Zweig. Aber wer will solchen Journalismus?

Man muss allerdings nicht unbedingt Auflage mit dem Ausspionieren wehrloser Terroropfer machen. Man kann auch auf andere Weise die Bilanz eines Zeitungsverlags verschönern, wie das Beispiel eines anderen großen EU-Landes zeigt. Italien macht es vor. Da sind Zeitungsverleger in den letzten Jahren auf die Idee verfallen, den Leuten, die die Inhalte liefern, einfach immer und immer weniger Geld für ihre Arbeit zu bezahlen. Es findet sich immer jemand, der den Job für noch weniger macht. Wie kürzlich in der “taz” nachzulesen war, muss die Hälfte der 100.000 hauptberuflichen Journalisten des Landes mit einem Hungerlohn von 50 Cent bis 8 Euro pro Artikel auskommen. Wie diese Artikel aussehen, wie die Zeitungen in Berlusconi-Land aussehen, kann jeder selbst überprüfen. Den Lesern bleibt keine Wahl. Sie nehmen mit diesen Zeitungen vorlieb, oder sie lassen es bleiben.

Klar, Verleger wollen und müssen mit Zeitungen Geld verdienen. Aber sie haben auch eine Verantwortung, die über die Erwartungen ihrer Anteilseigner hinausgeht. Sie müssen dafür sorgen, dass die Zeitungen weiterhin ihre Rolle im Gefüge der Demokratie spielen können. Das ist nichts Beliebiges, und das bekommt man nicht von Redakteuren, denen man vor Augen führt, dass ihre Arbeit nichts wert ist.

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

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