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Den Paradigmenwechsel als Chance begreifen

Sparsames Ende – ein Gastbeitrag von Dora Asemwald.

Früher war alles einfach: Artikel schreiben, Anzeigen verkaufen, Zeitung drucken, an Leser verkaufen, Reibach machen. Doch dann kam das böse Internet, zwang die Verlage ihre wertvolle Information einfach digital zu verschenken und lockte das Geld der Anzeigenkunden in fremde Taschen. Der Reibach führt derzeit weniger Wasser. Die Boni der Bonusempfängerriege schrumpfen, die Panik wächst. Der virtuelle Feind wirft alle Regeln über den Haufen, beraubt die klassischen Medien ihrer Informationshoheit, stellt die Rolle des Journalisten infrage und fordert Umdenken. Die einen, meist älteren, verweigern sich und malen den Kulturverfallsteufel an die Wand. Die anderen verfallen in blinden Aktionismus und werfen jeder Technologie die blitzt und blinkt Geld in den Rachen. Das funktioniert zwar beides nicht, kostet aber Leser und Geld.

In Ermangelung von Ideen kloppt man einfach Zeitungsartikel auf die Webseite, schmiert alles mit dpa-Meldungen zu und twittert vielleicht noch ein bisschen vor sich hin. Onlineabteilungen werden oft wie Blinddärme der Redaktionen betrachtet. Anstelle von mediengerechtem Mehrwert erzeugen sie Redundanz und graben der gedruckten Zeitung das Wasser ab. Da wundert sich auch keiner, dass immer weniger Leser eine Zeitung abonnieren und auch nicht bereit sind, Geld für Onlinejournalismus hinzulegen. Es gibt ein paar erfolgsversprechende Ansätze, doch die gedeihen nur dort, wo gute Leute Zeit und Muse haben, diese zu entwickeln – und die Mittel, sie umzusetzen.

Was tun? Man könnte die besten Köpfe zusammensetzen und sich mal ordentlich neu erfinden. Das erfordert jedoch gute Mitarbeiter, Flexibilität und Mut zur Veränderung. Oder man akzeptiert den eigenen Niedergang und versucht den Schaden – sprich die Kosten – zu minimieren. Und das am besten da, wo sie anfallen: beim Personal. Das kocht man erst mal ordentlich ein, fordert aber die gleiche Leistung. Ganz nebenbei sollen sie noch das Internet befüllen, so von wegen Zukunft und so. Überstunden werden nicht bezahlt, sie werden gefordert. Da sparen die Mitarbeiter sogar Geld, das sie in ihrer nicht vorhandenen Freizeit auch nicht ausgeben können. Drum kann man auch die Löhne senken, bei den alten Hasen um 5% und bei Neulingen gleich um 25%. So gewöhnen die sich gar nicht erst an einen halbwegs anständigen Lebensstandard.

Und schwups sind die Zahlen wieder schöner, die Investoren glücklich. Wenn das nicht mal einen Bonus wert ist! Dummerweise nicht für jene, die all das stemmen. Vor lauter Zahlenzauber bemerkt – ebenso dummerweise – keiner, dass das nicht der Königsweg zu jener Qualität ist, die den Printmedien eine Daseinsberechtigung im digitalen Zeitalter verschaffen könnte. Aber was soll’s, wenn noch mehr Leser verschwinden, findet man bestimmt noch ein Sparschräubchen, an dem man ordentlich drehen kann.

Wenn ein Verlag nicht unter die virtuellen Räder kommen will, dann muss er diesen Paradigmenwechsel als Chance begreifen. Und das kann man halt nur mit motivierten Mitarbeitern, die sich nicht darüber den Kopf zerbrechen müssen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen. Wer an den Mitarbeitern spart, spart sich um Kopf und Kragen.

Zur Person: Dora Asemwald gehört zu den bekanntesten Figuren der regionalen Blogosphäre. Ihr virtuelles Tagebuch nennt sie „das Fachmagazin für erfolgreiche Lebenslügen“ – und schreibt darin über Dinge, die Stuttgart bewegen.

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

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  1. Pingback: Sparmeister und Kannibalen « streikblog0711 - 2. August 2011

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