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Autorentexte

Sparmeister und Kannibalen

Weiterführende Gedanken zu Dora Asemwald

Von Jan Georg Plavec

Der Zeitungsstreik bietet wieder mal Anlass zur Diskussion über das Geldverdienen im Internet. Meistens geht es dabei um Medienunternehmen, im Volksmund manchmal noch als Verlage bekannt. Sie sind die Arbeitgeber von Journalisten aller Art, also Tarifpartei, und präsentieren sich derzeit als Sparmeister und Hungerleider der Nation. Vor allem ist bei ihnen der Veränderungsdruck, den die weltweite digitale Vernetzung auslöst, am größten. Das hat die Medienjournalistin Ulrike Langer treffend dargestellt.

„Ist es zu viel verlangt, in Zeiten, wo aufgeschäumter Kaffee im Pappbecher drei Euro kostet oder das Telefonvoting für sinnbefreite Casting-Shows mindestens 50 Cent, für das Produkt Qualitätsjournalismus knapp 30 Cent am Tag zu bezahlen?“, fragte Matthias Iken 2009, als der Springer-Verlag für die Angebote von „Abendblatt“ und „Hamburger Berliner Morgenpost“ im Netz plötzlich Geld verlangte. Iken schließt mit dem Wort „alternativlos“. Er wurde damals kritisiert, unter anderem von Stefan Niggemeier. „Online“ heißt seit jeher „frei verfügbar“, würden Puristen hinzufügen. Oder dass eine kostenlose und dadurch häufig besuchte Webseite Werbung für das „Mutterprodukt“ macht und zudem Werbeerlöse generiert.

Warum nicht 30 Cent am Tag für Qualitätsjournalismus zahlen? Matthias Ikens Frage ist weiter aktuell. Man sollte nur nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun. Denn natürlich müssen Medienunternehmen mit ihren Aktivitäten im Netz Geld verdienen. Der Weg dahin führt jedoch nicht über Bezahlschranken, sondern über attraktive, onlinegerechte Inhalte. Leider sieht die Online-Realität anders aus: Auf den meisten Homepages deutscher Print-Marken gibt es hastig kopierte Zeitungstexte für lau, dazu Fotogalerien, von Agenturen eingekaufte Videos und ein paar Umfragen. Da klickt man vielleicht drauf. Doch würde man auch dafür zahlen? Eher nicht.

 Zwei Annahmen der Medienunternehmen führen zu dieser publizistischen Ödnis, die zudem wirtschaftlichen Schaden verursacht:

1. Medienunternehmen können online einfach dieselben Inhalte verbreiten wie offline.

Journalisten produzieren Informationen. Die sind nur dann vermarktbar, wenn sie exklusiv sind; wenn sie der Nutzer also nirgendwo anders (in der angebotenen Qualität) bekommen kann. Was „Qualität“ ist und wo die Leser exklusive Informationen erwarten, weiß natürlich jedes Medium selbst am besten.

2. Online- und Offlinenutzer sind überschneidungsfrei.

Die meisten Menschen sind online, Zeitungsleser wie Zeitungsverweigerer. Es gibt Menschen, die sowohl die Zeitung als auch die Homepage der Zeitung nutzen – vor allem Nutzer, die zwei- bis dreimal in der Woche die Zeitung lesen. Nochmal Statistik: Wer Informationen besonders häufig über das I-Pad abruft, neigt zur Abokündigung. Die Zeitung, so das Ergebnis der US-Studie, ist übers I-Pad schlicht billiger als gedruckt. Wenn sich Medienunternehmen auf diese Weise ihre eigenen Kunden streitig machen, nennt man das Kannibalismus: Die Zeitung frisst sich selbst auf.

Sie tut es nicht, wenn Zeitung und Online-Angebote etwas bieten, was es nur auf dem jeweiligen Kanal gibt. Das kann die übersichtliche Darstellung auf einer Doppelseite sein, die regelmäßig aktualisierte VfB-Stuttgart-App oder eine dem jeweiligen Kanal angemessene Kulturberichterstattung. Offline- und Online-Lesern ist gemeinsam, dass sie Informationen haben wollen – exklusiv, komfortabel, unterhaltsam. Nur dann zahlen sie, und zwar den niedrigsten Preis. Deshalb darf online nichts verschenkt werden, wofür man auf Papier zahlt und umgekehrt.

Genau das ist bislang aber häufig der Fall. Warum? Weil Online für die meisten Medienunternehmen bislang nur eine Pflichtübung war und weil zu viel Geld in halblebige Technik gesteckt wurde statt in helle Köpfe. Deshalb besteht Online-Journalismus bei etablierten Medienunternehmen bislang vor allem aus Copy-Paste. Wie praktisch! Zumindest für jene bisherigen Zeitungsleser, die zwar weiter informiert bleiben wollen, denen das Abo aber schon immer zu teuer war.

Es bringt nichts, weiter das Printprodukt online zu verbreiten, jetzt aber plötzlich Geld zu verlangen – egal zu welchem Preis. Es muss auch keiner jammern, dass man „das Internet“ irgendwie „verschlafen“ habe. Zeitungen, die seit Jahrzehnten stolz sind auf die Ergebnisse ihrer Arbeit, dürfen online einfach nicht so schwachbrüstig und zeitungsmäßig daherkommen wie derzeit. Onlinejournalismus ist eine Investition in helle Köpfe. Onlinejournalismus ist genau wie Print keine Billigheimerei. Onlinejournalismus ist nichts für Unternehmer, die künftig ein Viertel weniger Lohn zahlen wollen.

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

Diskussionen

2 Gedanken zu “Sparmeister und Kannibalen

  1. Die Hamburger Morgenpost gehört nicht zu Axel Springer, hat nie dazugehört und das wird nie kommen. Es ist die Berliner Morgenpost, die gegen Entgelt wie das Hamburger Abendblatt im Web bei den so genannte „Premium-Inhalten“ zu lesen ist. Die Hamburger Morgenpost gibt es umsonst im Netz mit den veröffentlichten Inhalten 😉

    Verfasst von Holger Artus | 2. August 2011, 10:55

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