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Autorentexte

Wenn Du (k)eine Zeitung hast. . .

Ein Gastbeitrag von Wolfgang Holtkamp

Wenn Du keine Zeitung hast, dann hast Du keine Zeitung. Ransom Stoddard, der von James Stewart gespielte Rechtsanwalt in der selbsterwählten Rolle als Lehrer im Western Der Mann, der Liberty Valance erschoss, hat eine Zeitung. Zusammen mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung nutzt er den Shinbone Star, das örtliche Blatt, um seinen sehr unterschiedlichen Schülern Lesen und Schreiben beizubringen. Er benutzt beide Texte, indem er sie in einen Bezug zum Leben seiner Schüler setzt. Gleich neben dem Unterrichtszimmer befindet sich der Raum mit den Drucktypen und der Druckerpresse für den Shinbone Star.

Nicht nur Ransom Stoddard ist von diesem Raum inspiriert. Ein solcher Raum war für viele amerikanische Autoren Ausgangspunkt ihrer schriftstellerischen Karriere beim Herausbilden einer eigenständigen Nationalliteratur. Oft arbeiteten sie als Setzer bei Zeitungen oder Zeitschriften. Manchmal waren sie zugleich als Journalisten tätig. Benjamin Franklin war der jüngste Setzer in der Druckerei seines Bruders. Dort las er alles, was er für den Druck setzen musste. Mit 16 veröffentlichte er anonym seinen ersten Aufsatz in einer Zeitschrift seines Bruders. Als Drucker arbeitete er in London und gründete mit 21 seine eigene Druckerei in Philadelphia, wo er auch als Schriftsteller tätig war.

Amerika definierte seine geistige Unabhängigkeit in Zeitungen und Zeitschriften. Das begründet sich unter anderem aus den Copyright-Bestimmungen, die es bis 1891 erlaubten, Texte aus England in Amerika zu veröffentlichen, ohne deren Verfasser dafür zu bezahlen. Daraus erklärt sich zum Beispiel die zunächst zögerliche Entwicklung einer amerikanischen Romankultur und die Verbreitung kürzerer Textformen im 19. Jahrhundert.

Die frühen Aufklärer nutzten die Presse ebenso wie die Transzendentalisten Mitte des 19. Jahrhunderts. Walt Whitman arbeitete gelegentlich als Drucker und Journalist und gab die Long Island Weekly Newspaper heraus, bevor er mit seiner Gedichtsammlung Leaves of Grass (Grashalme) die amerikanische Dichtkunst revolutionierte. William Dean Howells, der oft genannte Begründer des Realismus in der amerikanischen Literatur und von 1871 bis 1881 Herausgeber des anerkannten Atlantic Monthly-Magazins, lernte das Druckerhandwerk in seiner Kinderzeit. Und bevor aus Samuel Langhorn Clemens 1863 Mark Twain wurde, war er bei einem Drucker in Hannibal am Mississippi in die Lehre gegangen. Das ermöglichte ihm, in New York, Philadelphia, Washington, St. Louis, Cincinnati und anderen Orten in Druckereien seinen Lebensunterhalt zu verdienen und Reiseberichte unter dem Namen Thomas Jefferson Snodgrass zu veröffentlichen.

Auch im 20. Jahrhundert ist die amerikanische Literatur von der journalistischen Schreibweise geprägt, denn sie „durchläuft immer wieder Phasen der Erneuerung – durch einen intensiven Dialog mit dem Journalismus“ schreibt Heiner Bus und benennt Tom Wolfe, Truman Capote, Norman Mailer und Michael Herr als herausragende Beispiele.

Der Einfluss des Journalismus auf die amerikanische Literatur ist enorm. Er ist Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer Darstellungsformen und vielfältiger Experimente, wie zum Beispiel das von Ransom Stoddrad. Wenn Du eine Zeitung hast. . .

Zur Person: Dr. Wolfgang Holtkamp lehrt am Institut für Literaturwissenschaft der Universität Stuttgart Amerikanistik. In seinen Forschungsstudien beschäftigt er sich vor allem mit der amerikanischen Gegenwartsliteratur.

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