//
du liest...
Reaktionen, Solidarität

Solidarität heißt nicht, immer einer Meinung zu sein

Vorbemerkung: Dies ist ein kleiner Text über die Rolle und die Verantwortung von Zeitungen in Zeiten, da der Medienwandel auch das Verhalten von Lesern verändert. Ein großer Stuttgarter Bahnhof kommt darin vor, ist aber nicht sein Thema.

Seitdem das lange Jahre von allen Beobachtern und fast allen Beteiligten totgeglaubte Immobilien- und Bahnprojekt „Stuttgart 21“ wiederauferstanden ist, haben die Stuttgarter Zeitungen bekanntlich ein Problem. Und so kompliziert sich die Sachlage und ihre Diskussionslinien darstellen, so einfach ist dieses Problem der Tageszeitungen benannt: Wie man’s macht, macht man’s verkehrt.

Nehmen wir das Beispiel der „Stuttgarter Zeitung“. Einige der prominentesten Befürworter und Vorkämpfer des Projekts in der alten Landesregierung etwa haben, kaum waren sie abgewählt, ihre StZ-Abos mit Ansage gekündigt, weil sie deren Berichterstattung, vor allem zum Thema S21, für ihre Wahlniederlage verantwortlich machen. Viele nicht so namhafte Abonnenten haben dasselbe getan, aus eben diesem Grund: die tendenziöse Berichterstattung gegen Schwarz-gelb und gegen den zukunftweisenden Bahnhofsumbau habe mit seriösem Journalismus nichts mehr zu tun. Und mindestens genauso viele Leser haben mit der genau entgegengesetzten Begründung dem Verlag im Pressehaus Möhringen ihr Abo vor die Füße geschmissen: weil die „Stuttgarter Zeitung“ das verhängnisvolle S21 erst herbeigeschrieben habe, weil die StZ selbst Teil einer mafiösen Verschwörung sei und weil das alles mit seriösem Journalismus nichts mehr zu tun habe.

Wer hat Recht?

Oder ist die Frage falsch gestellt? Vielleicht lohnte es sich stattdessen zu fragen, was hinter solchen Vorwürfen von beiden Seiten steht, welche Erwartungen von den Lesern mitartikuliert werden. Erschöpfen sie sich darin, dass die Zeitung ordentlich recherchiert und das Recherchierte verständlich darstellt? Stellt man sich die Zeitung möglichst amtsblatthaft vor, ohne Haltung, ohne Linie und ganz ohne Meinung? Wünscht man sich, dass in der Zeitung zwar durchaus Meinungen stehen, dass die aber mit den eigenen möglichst deckungsgleich sein sollen? Erwartet man, dass die Zeitung sich möglichst umfänglich dem Thema widmet, das einen selbst gerade am brennendsten interessiert? Hält man es aus, dass in der Zeitung auch das ausführlich vorkommt, was andere Leute mehr interessiert als einen selbst?

Die „GewerkschafterInnen gegen Stuttgart 21“ haben diese Fragen für sich beantwortet. Sie haben bei der letzten Montagsdemo im Namen des ganzen Aktionsbündnisses ihre Solidarität mit den streikenden Tagszeitungsredakteuren erklärt. Obwohl sie sich „oft geärgert“ hätten über uns. Aber: „Je besser die journalistische Arbeit, desto mehr kommt raus über den S21-Sumpf.“ Und, fügen wir hinzu, über manches andere auch.

Advertisements

Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

Diskussionen

3 Gedanken zu “Solidarität heißt nicht, immer einer Meinung zu sein

  1. Von einer Zeitung erwarte ich persoenlich: Objektivitaet, Ausgewogenheit, Neutralitaet.
    Dies war in der Vergangenheit und ist insbes. bei den Stuttgarter Nachrichten bis heute nicht gegeben.

    Weder erwarte ich ein Fuer noch ein Wieder bzgl. einem Grossprojekt. Sondern einfach nur neutral, objektiv, ausgewogen informiert zu werden. So dass ich mir selbst eine Meinung bilden kann, und nicht etwa eine vorgefertigte Meinung aufgedrueckt bekomme (wie bei den Stuttgarter Nachrichten).

    Zu diesem Thema liegt sovieles im Argen, wozu die Stuttgarter Zeitungen scheinbar schweigen. Manchmal hat man gar das Gefuehl die Journalisten duerfen gar nicht frei schreiben, sondern werden „an oberster Stelle“ zensiert.

    Das Anderes interessanter waere oder sein soll kann und darf keine Ausrede sein – ueber eine so lange Zeit.

    Allgemein sehenswert hierzu auch Prayon:

    Verfasst von HalbVerstaendnisVoll | 6. August 2011, 14:01
    • Hallo HalbVerständnisVoll, zunächst einmal vielen Dank für Ihre beiden Kommentare. Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie künftig für Rückfragen eine E-Mail-Adresse angeben, unter der sie für eventuelle Rückfragen erreichbar sind und sichern Ihnen selbstverständlich Vertraulichkeit zu. Über die Berichterstattung zu Stuttgart 21 gab und gibt es, das kann ich Ihnen versichern, in den Redaktionen permanent Diskussionen, genauso wie über das Bahnprojekt selbst. Christine Prayon wirft in ihrer Medienschelte den regionalen wie überregionalen Zeitungen vor, sie hätten ihre Leser „mit der Wahrheit verschont“ und Themen wie die „Arroganz der Mächtigen und die Entmündigung der Bürger“ ignoriert. Meine Sicht und meine Erfahrung ist, dass sie – wenn sie auf der Straße vier Menschen nach der Wahrheit fragen – mindestens drei verschiedene Antworten bekommen. Es gab Fälle von Aboabbestellungen mit Hinweis auf einen einzelnen Artikel – ein Leser kündigte, weil er darin ein weiteren Beweis dafür sah, wie unausgewogen man für das Projekt sei, der andere mit der genau entgegengesetzten Begründung. Es ist schlicht nicht korrekt, dass die „Arroganz der Mächtigen und die Entmündigung der Bürger“ nicht thematisiert wurden. Artikel, mit denen man nicht einverstanden ist, die einen in Rage bringen, bleiben nur stärker in Erinnerung als die anderen.

      Verfasst von streikblog0711 | 6. August 2011, 18:56

Trackbacks/Pingbacks

  1. Pingback: Streikende Zeitungsredakteure: Willkommen im Internet | pushthebutton.de - 3. August 2011

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: