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Autorentexte

Wirklich gut

Wozu wir heute noch eine gute Zeitung brauchen.

Ein Gastbeitrag von Cornelia Wüllrich

„Lass uns die Zeitung kaufen und frühstücken gehen“, das ist mittlerweile ein geflügeltes Wort, ein geflügelter Satz bei uns. Es begann im Engadin. . .

Seit zwei Tagen sind wir mit unserem Wohnmobil unterwegs. Wir sind durchs oberschwäbische Land gefahren, dann durchs Appenzeller Land und nun stehen wir am eiskalten Inn und blicken auf grüne Berghänge und schneebedeckte Gipfel.

Drei Wünsche habe ich auf dieser Reise: Ich möchte die blühenden Bergwiesen sehen, die Wiesen vor dem ersten Schnitt, von denen ich im „Senter Tagebuch“ von Angelika Overath las. Ich möchte gerne, wo immer wir sind, schreiben und malen und kleine Tuscheskizzen anfertigen. Und wandern wäre schön.

Doch wo es blühen soll „wie nirgendwo anders“, ist bei unserer Ankunft Grün mit hellem Braun und etwas Blau. Manche Hänge werden künstlich beregnet. Ich bin enttäuscht, ich hatte Bilder im Kopf und nun ist es ganz anders.

Natürlich ist es anders. Jedes Jahr, jedes Frühjahr ist anders. Es gibt keine Wiesenzauber­garantie.

In der örtlichen Käserei erzähle ich beim Einkaufen nebenbei von meinem „Blütentraum“, der junge Mann hinter der Theke hat Zeit, viel Zeit, auch für ein Gespräch. Wir erfahren, dass es ein sehr trockenes Frühjahr sei, vom Schnee auf den Bergen sei mehr verdunstet als geschmolzen, aber in der vergangenen Nacht habe es geregnet, ein bisschen Geduld noch, und die Wiesen würden aufgehen.

Also gut, beschließen wir, nehmen auch wir uns Zeit. Wir richten uns ein, sitzen am eiskalten Inn, streichen die gute Alpenbutter aufs Brot und warten. Wir essen milden und würzigen Bergblumenkäse und den extrawürzigen auch, hui! Wir wandern und warten und trinken Kaffee, du schwarz, ich mit ein wenig Bergwiesenmilch drin. Wir warten und lesen, ich einen Krimi, du die Zeitung. Und immer wieder rufst du aus: „Mensch, ist das gut geschrieben!“

„Lies vor!“, sage ich ein ums andere Mal, denn ich liebe gut Geschriebenes. Ich liebe Wörter. Ich mag Wörter wie ich Blumen mag, bin eine Wörtersammlerin. Ich habe einen Schatz mit inzwischen rar Gewordenem, mit längst Vergessenem, eine kostbare innere Arche quasi, aus der ich Worte pflücken kann, wann immer ich sie brauche – um auszudrücken, was ich sehe und denke und fühle. Um Höhen und Tiefen auszuloten. Um auch Nuancen zu erfassen, das weite Feld zwischen Schwarz und Weiss. Im Schnittpunkt von Bandbreite und Bandhöhe dann: das passende Wort, das wirklich stimmige.

Es ist eine Freude, das stimmige Wort selbst zu finden, es, wo es fehlt, selbst zu erfinden. „Hummeldurchmurmelt“, beispielsweise, das ist von mir.

Und es ist ein Genuss, am eiskalten Inn zu sitzen und in Erwartung des Bergwiesenzaubers einen Zeitungsartikel zu lesen, der mit Wortgefühl geschrieben wurde. Mit Wortverstand. Mit Einblick und mit Weitblick. Mit Sinn fürs Detail und für Zusammenhänge. Im besten Falle ist eine Kraft darin. Der Mut und die Kraft, die Dinge präzise zu benennen. Ausdruckskraft.

Im allerbesten Fall hinterlässt das Gelesene einen Eindruck und wirkt fort.

„Lass uns die Zeitung kaufen!“, sage ich später im Bergell, wo die Wiesen ähnlich schön blühen wie im hochlegenen Sent. An beiden Orten eindrucksvoll schön – das wogende Meer aus Margeriten und Glockenblumen, aus blau blühendem Wiesensalbei, zarten Nelken und cremefarbenen Schaumblüten. Es war gut, sich Zeit zu nehmen.

„Lies vor!“, sage ich im Bergell. „Lies mir vor!“, sage ich im Tessin und später im Piemont.

Es war gut, wirklich gut, sich Zeit zu nehmen.

Zur Person: Die Böblinger Künstlerin Cornelia Wüllrich schreibt Geschichten und malt Bilder. Sie ist mit dem Redakteur bei den Stuttgarter Nachrichten, Andreas Denner, verheiratet.

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

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