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Für die Engel und den Teufel – Eine Rede an die Kolleginnen und Kollegen, gewidmet allen Leserinnen und Lesern

Ein Gastbeitrag von Joe Bauer

Wir sind schon eine Weile im Streik, länger, als viele von uns geahnt haben. Die meisten von uns haben wenig oder keine Erfahrung im Arbeitskampf, wissen nichts von der Psychologie, von den Ängsten des vermeintlichen Nichtstuns. Unsereins ist seit 39 Jahren im Gewerbe, und einen ähnlichen Konflikt habe ich als Beteiligter nie erlebt.

Ich glaube, es hat lange gedauert, bis sich bei uns, den Journalisten, herumgesprochen hat, worum es eigentlich geht. In früheren Tarif-Auseinandersetzungen waren die Dinge überschaubar. Die Arbeitnehmer forderten mehr Lohn von den Arbeitgebern, es gab ein paar Sparrings-Einheiten zwischen den Verbänden und den Gewerkschaften, und nach einigen Runden im Boxring (oder Schattenbox-Ring) einigte man sich auf einen Prozent-Deal, bevor man zufrieden schimpfend nach Hause ging.

Dieses Mal, im unruhigen Jahr 2011, wo überall etwas Straßenkämpferisches in der Luft liegt, ist alles anders. Selbstverständlich geht es auch diesmal um Kohle, aber in erster Linie geht es um die Arbeit selbst, um ihre Qualität. Es geht um das Handwerk des Journalismus, um Information und Aufklärung. Nach außen ist das schwer zu vermitteln, obwohl der Fall einfach ist: Wenn man die Detektive ausschaltet, machen die Gauner vollends, was sie wollen.

In unseren Zeitungen finden sich immer mehr amtliche Verlautbarungen, diese Texte gleichen politischer Propaganda und Vertuschungsversuchungen.

Erst jetzt, in den Tagen des Streiks, ist mir aufgegangen, was das Wort Arbeitskampf bedeutet: Wir und unsere Unterstützer kämpfen um unsere Arbeit an sich, um ihren Inhalt, um den Sinn dieser Arbeit. Es geht nicht nur um sogenannte soziale Besitzstände.

Viele Menschen, das wissen wir aus anderen Branchen, bekommen psychische Probleme, wenn sie sich wie wir zum ersten Mal in einem langen Arbeitskampf befinden. Viele Menschen, und das gilt besonders für die nicht uneitle Sippschaft der Journalisten, definieren ihre Existenz, ihre Person oft allein über ihre Arbeit (ich fasse mich an die eigene Nase). Journalismus hat sich, auch in seiner kleinen Form, zu einer Art Posing entwickelt, wir haben die lesenden Menschen teilweise aus den Augen verloren – und jetzt mussten wir auf einmal unsere gewohnte Bühne verlassen, ohne zu wissen, wann wir zurückkehren. Karl Kraus, der scharfsinnige Zyniker, hat kein gutes Haar an den Journalisten gelassen, und es kann kein Zufall sein, wenn ausgerechnet dieser Satz einer seiner berühmtesten ist: „Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben. Man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.“

Ich weiß, dass wir im Arbeitskampf nicht Hohn und Spott, sondern Energie und Nerven brauchen, um gemeinsam über die Runden zu kommen.

Andererseits ist dieser Streik eine große Chance, uns mal selbst zu hinterfragen, uns Gedanken zu machen, ob wir die richtigen Gedanken haben und ob wir sie richtig ausdrücken. Wir könnten die unangenehme Krankheit namens Selbstzweifel an uns heranzulassen, statt vollends den Schnellschüssen der geballten Online-Arroganz zu verfallen.

Wir sind überzeugt, dass wir für die gute Sache, dass wir im Sinne von Gerechtigkeit und Demokratie die Arbeit niedergelegt haben. Dennoch sollten wir darüber nachdenken: Werden wir beispielsweise denen, die anderswo um demokratische Gesetze und faire Spielregeln kämpfen, in unserem beruflichen Alltag gerecht? Oder behandeln wir sie nicht viel zu oft mit Respektlosigkeit und Überheblichkeit?

Unser langer Streik ist die große Chance, sich endlich über die Inhalte unseres Jobs, diese Mischung aus Information und Unterhaltung, den Kopf zu zerbrechen. Den Menschen, den Lesern, ihren Lebensräumen näher zu kommen. Es geht, keine Frage, um die Zukunft, und die Zukunft kann nicht geistiger Discount und Billig-Lohn heißen, ganz egal, auf welchem technischen Terrain Journalismus stattfindet.

Und jetzt zur großen Kraft des Streiks: Verehrte Kolleginnen und Kollegen, wir beobachten überall gute Ideen und scharfe Aktionen, ich habe das verdammt gute Gefühl, dass wir uns in diesen Tagen auf Dinge besinnen, die wir zwischen Stress und läppischen Ausweichmanövern im journalistischen Design- und Verpackungsbereich vergessen hatten. Endlich, und deshalb müssten im Grunde auch die Verlagsmanager froh sein über diesen Streik, entdecken wir wieder Fantasie und die Möglichkeit, etwas zu machen und zu gestalten, was wir bisher selten getan haben. Wir finden neue Mittel und Wege, uns mitzuteilen und präsent zu sein, in den Straßen, auf den Plätzen der Stadt – wobei uns die Hosentaschentelefone und Manteltaschennotebooks der Digital-Zeitalters eine Menge helfen. Ohne diese Technik, das muss klar sein, wäre der gesamte Protest von heute nicht machbar.

Es ist wie der Groove geiler Musik und ein guter Tritt in den Arsch, wenn man sieht, wie die Kolleginnen und Kollegen sich zusammenraufen, diskutieren, Projekte erfinden, Action machen. Bei diesem Energieschub kommt der wahre Journalist aus uns heraus, wir treffen Menschen, die Lust haben, etwas zu gestalten und zu organisieren. Es sind Menschen, die den Mut haben, sich zu wehren, wenn es sein muss, auch gegen die Übermacht des Geldes. Und wir könnten ruhig mal zugeben: Viele von uns haben sich gegenseitig bisher nicht gut genug gekannt. Ich ziehe meine Mütze vor denen, die Dinge aus dem Hut zaubern, wie sie bei großspurigen Brainstorming-Meetings in den Redaktionen nie entstanden wären.

Man braucht kein Romantiker zu sein, um dem Wort Solidarität eine existenzielle Bedeutung abzugewinnen. Vielleicht ahnen wir langsam, was dahinter steckt, wenn die Leute in Paris, in Madrid und in Stuttgart auf die Straßen gehen, weil sie es satt haben, von Leuten ignoriert zu werden, die Menschen regieren oder über sie verfügen, ohne das Leben, ohne die Verhältnisse, die Städte dieser Menschen zu kennen. Vielleicht erkennen wir auch, was die Leute leisten, die permanent für demokratische Rechte und humane Ziele kämpfen.

Der Streik ist die große Chance, Fähigkeiten in uns abzurufen, die wir vernachlässigt oder vergessen haben. Streik ist ein Akt der Überwindung, es besteht die Gefahr, den Lebensrhythmus zu verlieren, man braucht einen langen Atem und das Bewusstsein, nur in einer Gemeinschaft stark zu sein. Unsere Streik-Gemeinschaft aber hat eine klare solidarische Botschaft. Die Alten setzen sich für die Jungen ein, weil es den Jungen an den Kragen gehen soll. John Steinbeck, ein schreibender Chronist des Arbeitskampfes, hat gesagt: „Die jüngere Generation ist der Pfeil, die ältere der Bogen.“

Ich würde mich hüten, diese amerikanische Metapher als Kitsch abzutun. Unsere Sache ist voller Pfeil- und Bogenspannung. Wir lernen, dass das Nichtarbeiten der Streikenden Wege zu einer anderen Art von Arbeit öffnet. Kopfarbeit allein (sofern wir das, was wir treiben, so nennen) reicht nicht. Wir müssen ran mit der Hand am Arm, und der Pfeil fegt über den Bildschirm.

Im Streik lernt man etwas über die Anständigkeit zuverlässiger Feinde und die Zweifelhaftigkeit guter Freunde, und da ich John Steinbeck zitiert habe, komme ich nicht umhin, den schlimmsten Feind der amerikanischen Künstler und Freiheitskämpfer zu erwähnen. Zwar wird man mir vorhalten, Jack London sei nicht nur ein großer Erzähler, sondern auch ein Rassist und Schwulenhasser gewesen. Aber ein paar seiner Sätze kann ich mir nicht verkneifen, und ich schwöre bei allen Helden der Arbeit, dass ich im Repertoire von Jack London die eher harmlosen Zeilen ausgesucht habe: „Ein Streikbrecher ist ein aufrecht gehender Zweibeiner mit einer Korkenzieherseele, einem Sumpfhirn und einer Rückgratkombination aus Kleister und Gallert. Wo andere das Herz haben, trägt er eine Geschwulst räudiger Prinzipien. Wenn ein Streikbrecher die Straße entlang geht, wenden die Menschen ihm den Rücken zu, die Engel weinen im Himmel, und selbst der Teufel schließt die Höllenpforte, um ihn nicht hineinzulassen.“

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir Streikenden müssen alles tun, um die Engel und den Teufel bei Laune zu halten.

Diese Rede hat der STN-Kolumnist Joe Bauer bei der jüngsten Streik-Show auf dem Stuttgarter Schlossplatz gehalten. Er hat sie zuerst veröffentlicht in seinen „Depeschen“, eine gekürzte Fassung ist in der Streikzeitung von StZ und STN erschienen.

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Stuttgarter Journalisten im Streik

Diskussionen

2 Gedanken zu “Für die Engel und den Teufel – Eine Rede an die Kolleginnen und Kollegen, gewidmet allen Leserinnen und Lesern

  1. Volltreffer! Auch in dieser Länge. Also noch mal durchlesen, sacken lassen, in den Spiegel gucken – und sich darüber freuen, bei diesem überredaktionellen Soli-Tsunami aktiv dabei zu sein. Ich wünsche all den Kolleginnen und Kollegen, die sich bislang verweigert haben, dieses gute Gefühl. Schaut doch einfach mal in den Spiegel.

    Verfasst von Erwin Eisfeld | 5. August 2011, 08:23

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  1. Pingback: Ein Akt der Überwindung « südweststreik - 5. August 2011

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