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Aktionen, Solidarität, Stimmungsbilder

Methoden der Macht

Wut und Empörung, das weiß man vermutlich nirgendwo besser als in Stuttgart, können Sogwirkungen entfalten, die man nicht erwartet hätte. Die Diskussionen der gestrigen Versammlung streikender Journalisten in Baden-Württemberg haben das gezeigt. Da berichtete ein seit je kämpferischer Mitarbeiter einer kleineren Tageszeitung, in seiner Redaktion sei die Streikbeteiligung im Vergleich mit früheren Auseinandersetzungen auf 400 Prozent gestiegen – und erzählte, was für ein gutes Gefühl es sei, nicht mehr allein vor die Verlagstore zu gehen, sondern zu viert. Entsprechend wütend sind zuweilen die Reaktionen aus der Führungsetage, vor allem dort, wo eine enge Zusammenarbeit zum Alltag gehört. Nicht jeder, der auf seinem privaten Telefonanschluss einen Anruf vom Chefredakteur oder gar vom Verleger erhält, kann dem Druck standhalten. Und nicht jeder streikende Volontär kann gelassen bleiben, wenn ihm beiläufig erklärt wird, dass er ja wisse, welche Konsequenzen ein Streik für seine Zukunft im Haus haben werde.

Beim Schwarzwälder Boten in Oberndorf, der wie StZ und STN zur Südwestdeutschen Medien-Holding (SWMH) gehört, kämpfen die Redakteure auch bereits seit Monaten – allerdings um einen Haustarif. Die Verhandlungen, so ist zu hören, waren zuletzt alles andere als befriedigend, noch unbefriedigener gar als die Verhandlungen zwischen Verlegern und Gewerkschaften auf Bundesebene. Der Geschäftsführer Richard Rebmann verweigere sich seit Wochen jeglichen Gesprächen mit dem Betriebsrat. Als „Blaupause“ bezeichneten das Redner gestern in Stuttgart, als Ausloten dessen, was möglich ist, was man früher oder später auch mit anderen Zeitungen der SWMH anstellen könnte, der Süddeutschen Zeitung zum Beispiel. Nächsten Freitag, 12. August, wird es nun in Oberndorf zu einer Kundgebung kommen, nicht nur von Streikenden des Schwarzwälder Boten allein, sondern von Journalisten aus dem ganzen Land – und einem wortgewaltigen Gast: dem Verdi-Chef Frank Bsirske.

Dass man noch dreister mit seinen Mitarbeitern umgehen kann zeigt das Beispiel der Nordwest-Zeitung in Oldenburg (NWZ). Dort ließ die Geschäftsführung zu Beginn der Woche verlautbaren, dass man in die OT-Mitgliedschaft gewechselt ist. Der Betriebsratsvorsitzende Ulrich Janßen, gleichzeitig Vorsitzender des Bundesvorstands der DJU in Verdi, sah sich prompt mit unmoralischen Angeboten konfrontiert, die der besonderen Situation der NWZ geschuldet sind. Von 400 Beschäftigen sind 80 Leiharbeiter, einige davon in der Redaktion, darunter auch sämtliche Volontäre – und sie bekommen Gehälter, die weit unter Tarif liegen. Gönnerhaft erklärte die Geschäftsführung nun, man sei gerne zu Anstellungsverträgen im Stammbereich bereit, sofern der Betriebsrat bereit sei, für künftige Beschäftigte, also auch alle bisherigen Leiharbeitnehmer, die auf Bundesebene anvisierten Gehaltskürzungen zu akzeptieren. Bevor die Stuttgarter Streikversammlung gestern eine Solidaritätserklärung verabschiedete (weitere sind möglich an ulrich.janssen@nordwest-zeitung.de) fielen Worte wie „Erpressung“. Ulrich Janßen sieht das ähnlich: Ein Haustarif statt des Leiharbeitsmodells sei nur eine Form der Tarifflucht, die eine andere Form der Tarifflucht ersetze.

Gestern ist es bei der NWZ zu einer Betriebsversammlung gekommen. DJU in Verdi und DJV geben sich kampfbereit. Sie ließen die Geschäftsführung wissen, dass eineOT-Mitgliedschaft lediglich bedeute, sich die Auseinandersetzungen ins eigene Haus zu holen;  man strebe selbstverständlich an, dass tarifliche Regelungen dennoch auch für die NWZ gelten werden. „Auch wenn wir alleine verantwortlich sind, stehen wir nicht alleine da“, sagt Ulrich Janßen. Die Verhandlungen sollen in der nächsten Woche fortgesetzt werden.

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

Diskussionen

3 Gedanken zu “Methoden der Macht

  1. Hmm….müssten nicht die Abonnenten nun Druck auf die Verlagshäuser ausüben und die Abos massenweise kündigen? Die jetzige Situation, kein Geld für streikende Journalisten und volle Einnahmen von den Abonneten ist doch traumhaft für die Verleger! (?)

    Verfasst von Rainer | 7. August 2011, 10:30
  2. Ehrlich gesagt übelege ich mir seit ich hier wohne – mittlerweile seit fünf Jahren – jede Woche mindestens einmal, das Blättle (aka Waiblinger Kreiszeitung) zu kündigen. Der Mantel derselben ist einfach, mit Verlaub, unterirdisch, und der Rest (früher Lokalberichterstattung genannt) ist auch nicht viele besser. Was den Streik betrifft: er hat meine volle Unterstützung, aber: würde ich hier nicht das Blog lesen, wüßte man das (fast) gar nicht; was mich irgendwo erschreckt, ist, daß das Blatt bzw. sein Mantelteil während des Streiks genauso lausig ist wie vorher. (Ich sage mal nur: Molitor…).
    Tja. Sie können von Glück sagen, daß ich noch zu einer Generation gehöre, für die eine (lokale) Tageszeitung einfach dazugehört. Trotzdem sind >300 EUR eigentlich zuviel für das Quatschblättle. Viel Glück weiterhin, in der Hoffnung, dass sich auch an der Qualität was ändert!

    Verfasst von stefan | 11. August 2011, 23:38

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