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Autorentexte

Schwarzmaler und Ignoranten

Von Benjamin Schieler

Mit einem Deutschlehrer fing alles an. Damals, in der zehnten Klasse. Auf einmal glaubte da jemand, meine Berufung wäre das Schreiben. Und ich glaubte es auch. Standhaft. Unverrückbar. Ich habe die Lehrerin belächelt, die auf ihn folgte und mit meinen Texten weniger – ja: wenig – anfangen konnte. Ausgelacht hat sie mich einmal, als ich ihr erzählte, ich würde Journalist werden. Vor dem versammelten Grundkurs. Ich habe es ihr nicht übel genommen. Ihre Kritik, so ist das manchmal bei uns, prallte an mir ab wie der Tennisball an der Trainingswand. Ich bin Journalist geworden, gegen die Widerstände der Zweifler, die meinten, ich würde im Haifischbecken nicht lange überleben. Das war vor elf Jahren. Praktikant war ich, dann Freier, dann Volontär, dann arbeitnehmerähnlicher Freier – und dann weg. Abgetaucht ins Studium, raus aus dem gemachten Bett. Wer in seinem Leben nicht ab und zu einen Bruch erlebt, ob nun selbstbestimmt oder unfreiwillig, der droht in Routine zu ersaufen.

Die Flucht an die Universität hat mir gut getan. Sie hat mich das Zweifeln gelehrt. Und hin und wieder auch das Verzweifeln. Da ich Druckerzeugnisse mehr konsumierte als sie selbst zu füllen wurde ich das Gefühl nicht los, die Medienwelt befasse sich mit Nichtigkeiten, statt sich den wahren Problemen zu widmen – oder besser: den subjektiv als wahr empfundenen Problemen. Das diffuse Gefühl, die Kollegen kapitulierten vor einer Welt, deren Komplexität sie sich nicht gewachsen fühlten, bugsierte mich ins Gefühlschaos. Es spaltete mein Inneres in zwei Hälften, die sich seitdem unversöhnlich gegenüberstehen. Eine, die sich hinwegträumt und eine, die wütend auf den Boden stampft. Die rechte beschimpft die linke als frustrierten Schwarzmaler, die linke nennt die rechte einen besserwisserischen Ignoranten, der sich im Wolkenkuckucksheim an Illusionen klammert.

Eine berufliche Midlife Crises mit Ende 20 zu durchleben ist kein großes Vergnügen. Doch ganz generell lauern im Schatten der Kreativen unentwegt Selbstzweifel. Und das hat auch sein Gutes. Denn wer sich nicht hin und wieder hinterfragt, dem droht der Verlust der Bodenhaftung. Der Streik, das haben zuletzt viele Kollegen festgestellt, besitzt in dieser Hinsicht ein wertvolles Potenzial – trotz der psychischen Müdigkeit, die das ungewohnte Kämpfen hinterlässt. Während der Aktionen der vergangenen Wochen gab es mehr Diskussionen mit Lesern und solchen, die es einmal waren, als sonst in Monaten. Und manchmal geschehen Wunder: Nicht nur reden Zeitungsleute und Konsumenten auf Augenhöhe miteinander, sie entdecken gar gegenseitiges Verständnis. Auch Gespräche unter Kollegen, die sich im Alltag als Konkurrenten sehen, haben das Bewusstsein verändert. Nun ist unser Denken und Handeln in der Regel zu einem Großteil durch unmittelbare und/oder einschneidende Erfahrungen bestimmt, deren Kraft im nächsten Moment, bei veränderten Verhältnissen, verloren sein kann. Aber die leise Hoffnung ist da, dass etwas von der Streikbewegung 2011 konserviert werden kann. Dass wir lernen, mit einer sich unvermeidbar verändernden Zeitungslandschaft umzugehen. Dass wir nicht bald wieder in Routine ersaufen, uns widerstandslos von Zwängen des Alltags fesseln lassen.

Es ist eine leise Hoffnung. Und bitte fragen Sie nicht, welche der beiden Seelen in meiner Brust der Herr dieser Hoffnung ist.

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

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