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Autorentexte

Wertlose Worte

Die Zeitungsredakteure streiken. Kaum jemand versteht warum

Von Marc Schieferecke

Huschhusch, Botschaft, aufs Papier mit dir. Dann liest du dich so:

Redakteure hiesiger Tageszeitungen haben mit einer Kundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz gegen die nach ihrer Ansicht unhaltbaren Forderungen der Verleger im aktuellen Tarifkonflikt protestiert. Die Arbeitgeberseite fordert nach Gewerkschaftsangaben ein Gehaltsminus von fünf Prozent. Auf Empörung stößt nach den Worten des Verdi-Vertreters Gerd Manthey, dass Berufsanfänger künftig für 25 Prozent weniger Gehalt beschäftigt werden sollen. Plakate mit Aufschriften wie „Worte sind wertvoll“ sollten das Anliegen unterstreichen.

Sind Worte wertvoll? Selbstverständlich. Ohne Worte keine Sprache, ohne Sprache keine Menschheit. Aber bezogen auf journalistische Worte gilt: je nachdem. Die Worte des vorangegangenen Absatzes sind von nachrangigem Wert. Nach den Grundregeln des Nachrichtenschreibens aufgereihte Satzbausteine, zusammengeleimt zur Botschaft, die nur verkündet, was jeder hätte sehen und hören können, der über den Schlossplatz eilte.

Wieder ein Berufsstand, der protestiert, weil er mehr Geld will. Na und? So dürften die meisten Vorbeieilenden den Protest einsortiert haben. So dürften ihn auch die meisten Leser des ersten Absatzes einordnen, jener kargen Fakten, die verdächtig sind, aus einer Pressemitteilung der Gewerkschafter abgeschrieben zu sein. Denn in ihnen fehlt, was die Arbeitgeberseite zum Thema zu sagen hat. Erst Recht fehlt die Antwort auf die entscheidende Frage: Ist es in Wahrheit so, wie es scheint?

Dennoch erscheinen solche Absätze jeden Tag in jeder Zeitung und in Scharen – selbstverständlich – in deren Online-Ausgaben. Die eiligen Nachrichten haben ihre Berechtigung, aber für Redakteure, die ihren Beruf ernst nehmen, ist das Peinigende:  Mehr ist nicht mehr erwünscht, denn mehr soll nicht mehr bezahlt werden. Kommt es so, verliert Journalismus seinen Sinn, dann überwuchern die hingehuschten Zeilen die Hintergründe, erwürgen die Zwischentöne, rauben letztlich der Wahrheit das Licht.

Und darauf deutet vieles hin. Die beiden Journalistengewerkschaften DJU und DJV waren in der Vergangenheit zu schwach, Kürzungen zu verhindern. Auf ein Arbeitsleben gerechnet, summiert sich allein der jüngste Tarifverlust auf mehr als 100.000 Euro. Weil Geld noch nie ein Grund war, Redakteur zu werden, nahmen die Redakteure die Minusrunden hin.

Gleichzeitig rollten Entlassungswellen durch die Verlage. Tausende von Journalisten wurden arbeitslos oder in tariflose Gesellschaften ausgelagert. Währenddessen verdienten zumindest die baden-württembergischen Verlage glänzend. Umsatzrenditen deutlich über Daimler-Niveau sind Gewohnheit. Wäre Vergleichbares in der Metallerbranche geschehen, hätten die Gewerkschaften wochenlang streiken lassen – und die Zeitungen hätten seitenlang berichtet. Die Redakteure legten hie und da die Arbeit nieder, meist in verlängerten Mittagspausen.

Das ist Vergangenheit. Seit gut einem Monat streiken die Redakteure vor allem in Baden-Württemberg. Auslöser dafür war tatsächlich die Vorstellung der Verleger zur Zukunft des Journalistenberufs. Bisher beginnen Berufsanfänger mit rund 40.000 Euro Jahresgehalt. Das entspricht dem Durchschnitt in Akademikerberufen. Allerdings fordern Verlage von Bewerbern neben dem erfolgreichen Studium eine zweijährige Ausbildung im Sinne einer Lehre, das Volontariat. Sinkt zudem das Einstiegsgehalt tatsächlich um ein Viertel, dürfte sich kaum noch ein Akademiker für den Beruf interessieren. Wegen der massiven Streiks ist inzwischen ein weit geringeres Minus im Gespräch. Auf die Forderung, dass auch die aktuellen Journalisten Gehalt einbüßen sollen, werden die Verleger wohl ganz verzichten. Aber selbst die kämpferischsten Gewerkschafter gehen davon aus, dass die nächste Tarifrunde wieder mit Minusforderungen beginnen wird.

Denn tatsächlich ist der Billigtarif für einen großen Teil des Berufsstands längst Tatsache. Die Opfer jener Entlassungswellen tippen sich als Freiberufler zwei-, dreitausend Euro monatlich zusammen. Bezahlt werden sie pro Zeile. Sie nennen sich Schreibsklaven. Wer nicht schnell genug ist, wer Hintergründe erkundet, an Sätzen feilt, kann seine Miete nicht zahlen.

Der andere Teil der Wahrheit ist: Immer weniger Deutsche wollen für eine Tageszeitung zahlen. Das Internet gilt als ausreichender Ersatz, eben jene hingehuschten Zeilen, deren Mangel an Qualität selbst in Spitzenpublikationen wie Spiegel online schon an der Zahl orthografischer Fehler erkennbar ist.

Vielleicht aber gewöhnen die Leser sich in Zukunft daran, selbst für Worte zu bezahlen, die tatsächlich nicht wert sind, veröffentlicht zu werden. Schließlich verkaufen sich auch jene Zeitungen, die hoffnungslos unterbesetzte Redaktionen mit Hilfe von Honorarschreibern zusammenstanzen. Sie kopieren auch tatsächlich Pressemitteilungen, sei es aus Zeitnot oder – immer öfter – aus Trotz ihren Verlegern gegenüber: Ihr bekommt, was ihr bezahlt. Wenn ihr wollt, dass euch die Leser davonlaufen. Bitte.

Dagegen streiken und protestieren die Redakteure. Sie fürchten, dass ihre Verleger den Journalismus opfern, das Geld und die Zeit, um zu erkunden und zu veröffentlichen: Ist es in Wahrheit so, wie es scheint? Um es mit den Worten auszudrücken, die Gerd Manthey auf dem Schlossplatz in eine Fernsehkamera sprach, jener im ersten Absatz erwähnte Verdi-Funktionär: Sie „streiken nicht um mehr Geld, es geht ihnen um die Zukunft ihres gesamten Berufsstands“.

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

Diskussionen

6 Gedanken zu “Wertlose Worte

  1. Sehr guter Beitrag, lieber Marc Schieferecke. Mit vielen perfekt zusammen gefassten Facetten.
    Unter anderen:
    „Die Opfer jener Entlassungswellen tippen sich als Freiberufler zwei-, dreitausend Euro monatlich zusammen. Bezahlt werden sie pro Zeile. Sie nennen sich Schreibsklaven. Wer nicht schnell genug ist, wer Hintergründe erkundet, an Sätzen feilt, kann seine Miete nicht zahlen.“
    Fakt.
    Und, Freie interessieren in den Redaktionen erst, wenn alle anderen Begehrlichkeiten abgearbeitet oder gestillt sind.
    Und genauso verhält es sich derzeit auch im Streik. Betriebsräte sind für Freie nicht zuständig. Der DJV als Gewerkschaft für Freie? Hüstel, hüstel, ich bin seit x Jahren Mitglied und bekomme keine Informationen oder Hinweise oder Tipps. Soll ich Aufträge annehmen, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten und damit quasi Streikbrecher werden? Soll ich streiken, keine Aufträge annehmen und damit meinen mühsam aufgebauten Adressenstamm von möglichen Auftragsgebern zerstören?
    Aber gut, ich kann ja mühsam meine Einkünfte der vergangenen Monate freilegen und dann auf einen Zuschuss aus der Streikkasse hoffen. Bullshit.
    Als Freier hängt man auch jetzt, zu Streikzeiten, genauso in der Luft, wie im normalen Berufsalltag.
    Jeder ist sich selbst der Nächste. Und der Verband?
    Die Aktionen, die derzeit in der Stadt laufen, sind Aktionen, die von Redakteuren organisiert sind, die kreativ sind, die etwas bewegen. Und dann ist da noch das DJV-newsletter, und verdi-Trillerpfeifen. Mannomann. Welcome to the real world.

    Verfasst von Tom Bloch | 7. August 2011, 19:17
    • Hi Tom,

      Welcome to the real world. Genau darum geht es. Auch, wenn ich’s deutsch bevorzuge. Keiner (hoffe ich jedenfalls), der im Gegensatz zur Dir/Euch, sich genau wie ich an einem komfortablen Redakteursvertrag labt, wird sauer sein, wenn Ihr den Streik brecht. Du sollst Aufträge annehmen, weil Du wenigstens jetzt ein paar Kröten mehr verdienen kannst als üblich. Das ist der Punkt: Der Versuch, uns, die wir nicht klagen können, auszuspielen gegen Euch, die Ihr schon rausgekickt seid, diejengen, die drin sind, mit bis zur Gehaltsstaffel 25 Jahren, auszuspielen gegen diejenigen, die neu reinkommen. Über das, was unsere Gewerkschaften für uns alle tun oder lassen, unterhalten wir uns mal bei Gelegenheit bei eins zwei drei Bier. Lassen wir es gut sein damit, dass es weder Dir noch mir reicht, bis die aktuelle Runde zuende ist. Dann sehen wir hoffentlich endlich mal alle zusammen weiter, wie wer was bewegen kann. Wenn nur alle mitmachen, die jetzt neu die Gewerkschaft entdeckt haben, ist das ein Tsunami. Bis dahin, Vorsicht Pathos, streiken wir, die es sich leisten können, halt für Euch mit. Vier Prozent mehr für Freie bis August 2012 sind schon fest ausgemacht. Ischt so. Mich freut’s, auch wenn es kein Wunder ist, dass bei den Freien sofort nachgegeben wird.

      Dank fürs Lesen und Schreiben,
      Marc

      Verfasst von Marc Schieferecke | 8. August 2011, 23:49
  2. Guten Tag!

    Interessante Argumentation:

    „Weil Geld noch nie ein Grund war, Redakteur zu werden, nahmen die Redakteure die Minusrunden hin.“

    und dann:

    „Sinkt zudem das Einstiegsgehalt tatsächlich um ein Viertel, dürfte sich kaum noch ein Akademiker für den Beruf interessieren.“

    Oder:
    „Der andere Teil der Wahrheit ist: Immer weniger Deutsche wollen für eine Tageszeitung zahlen.“

    und dann:
    „Vielleicht aber gewöhnen die Leser sich in Zukunft daran, selbst für Worte zu bezahlen, die tatsächlich nicht wert sind, veröffentlicht zu werden. Schließlich verkaufen sich auch jene Zeitungen, die hoffnungslos unterbesetzte Redaktionen mit Hilfe von Honorarschreibern zusammenstanzen.“

    Was jetzt? Spitzenpublikation oder Mangelmedium?
    „Das Internet gilt als ausreichender Ersatz, eben jene hingehuschten Zeilen, deren Mangel an Qualität selbst in Spitzenpublikationen wie Spiegel online schon an der Zahl orthografischer Fehler erkennbar ist.“

    Auch hübsch:
    „Sie „streiken nicht um mehr Geld, es geht ihnen um die Zukunft ihres gesamten Berufsstands“.“
    Es geht also nur um Anerkennung, nicht um Geld? Welcher Berufsstand ist gemeint? Redakteur oder Journalist? Ist das ein Gegensatz? Oder ein Standesunterschied? Kastendenken?

    Vielleicht gibt es einfach zu viele Akademiker in den Redaktionen, die den Kontakt zur Außenwelt nicht halten?
    Vielleicht dämmert dem ein oder anderen, dass „Redakteur“ an sich noch längst keine „Qualität“ definiert?
    Vielleicht geht ein Licht auf, dass die früheren Gatekeeper am Tor zu einer Koppel stehen, die längst keine Zäune mehr hat?
    Hinweis: Der Berufsstand der Weber ist ausgestorben, trotzdem haben wir was zum Anziehen. Den KFZ-Mechaniker gibts auch nicht mehr, trotzdem werden Autos repariert. Der Setzer ist auch abgeschafft, trotzdem erscheinen (noch) Zeitungen.

    Gruß
    Hardy Prothmann

    Verfasst von Hardy Prothmann | 8. August 2011, 20:03
    • Hallo Hardy Prothmann,

      ja, richtig. Wenn auch ein wenig wortklauberisch und ein wenig bösartig, weil ein Online-Spitzenmedium Spiegel gegen den gedruckten Spiegel nach wie vor nicht anstinkt. Auf den zugegebenen Widerspruch: Geld war noch nie ein Grund, Redakteur zu werden, Bert Brecht; Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Wenn’s denn ein
      Ehrenamt wird,scheiß ich auch drauf. Auch ich muss meine Miete zahlen.Dass zu viele Redakteure in ihrer Stube hocken – gern zugegeben. Kastendenken? Reine Polemik. Dann habe ich da noch einen kleinen Verdacht: Wer kennt den Unterschied zwischen einem Redakteur und einem Journalisten? Und wer weiß, was ein Setzer war? Falls ich mich irre: 0172 93 60 788. Ich warte und antworte gern.

      Hoffentlich nicht vergeblich,
      Marc Schieferecke

      Verfasst von Marc Schieferecke | 9. August 2011, 00:30
  3. Na wenigstens hat der Artikel weniger Rechtschreibfehler als die Printausgabe aus dem PH…
    Oder keine alten Artikel, wie letzten Freitag in der Waiblinger Ausgabe auf Seite 1 — Die Zeitung hat mich 1,50€ gekostet und statt meinem Geld habe ich nur eine mit Schreibfehlern überzogene (kleine) Entschuldigung erhalten – die mich für eine weitere Ausgabe nochmals 1,50€ gekostet hat.
    Woran es liegt? Keine Ahnung – ich versteh die Politik „da oben“ nicht mehr. Vll an den gestrichenen Korrektorenpools und den technischen Dienstleistern, die damals noch sinnvoller Arbeit nachgingen (im PH)?
    Wo bleibt denn die Qualität? Streik hin oder her – er mag berechtigt sein. Aber liebe Freunde „da oben“ in Möhringen – er kommt def. zu spät. Viel zu spät! Aber damals gings Euch Redas (noch) nicht an den Kragen.

    Verfasst von Ehemaliger | 9. August 2011, 13:38

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