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Erst der Jackpot, dann die Straße

In dieser Tarifauseinandersetzung streiken diejenigen, die man „gestandene Redakteure“ nennt, für diejenigen, die künftig Redakteure sein sollen. Und in dieser Runde sind nicht wenige dieser künftigen Redakteure dabei. Zwei Volontäre von StZ und STN haben aufgeschrieben, warum das so ist.

Ein Volontariat bei einer Tageszeitung? Jackpot. Genau das, was viele von uns immer machen wollten. Und wir, die wir das Volontariat bekommen haben, machen unseren Job richtig gerne ­- mit Herzblut. Und das Herz tut einem ganz schön weh, wenn man die Zeit nicht damit verbringt, Geschichten zu recherchieren und zu formulieren, sondern plötzlich mit Plakaten und Trillerpfeifen auf Demonstrationen zu gehen. Eine Ausbildung im Arbeitskampf hatten die wenigstens von uns erwartet.

In einem bin ich mir sicher: Ich tauge nicht zum Klassenkämpfer. Als die Studenten anfingen gegen die Studiengebühren zu streiken, da habe ich mehr oder weniger erfolgreich für meine Klausuren gelernt. Und auch als wir Journalisten angefangen haben, war ich mir sicher, dass ich nicht mitstreiken würde. Denn ich bin Volontär, dachte ich. Wenn ich einmal einen Job bekommen möchte, dann sollte ich mich vielleicht mit der Redaktion, mit dem Verlag und vor allen mit meinen Chefs gutstellen.

Doch es kam alles anders. Natürlich, am Anfang habe ich mich schwer getan. Ist es richtig zu streiken? Ist es richtig zu arbeiten? Ich war mir nicht sicher. Jeder, den ich fragte, gab mir eine andere Antwort. Am Ende war ich total verwirrt. Das Gefühl sagte mir: Streike mit! Der Kopf sagte mir: Geh arbeiten! Nicht in die Redaktion zu gehen kam mir falsch vor. Ich wollte arbeiten, ich wollte meine Geschichten schreiben, wollte daran feilen – eigentlich wollte ich einfach nur in Ruhe meinen Job machen.

Nun aber sind wir mittendrin, und wir sind überzeugt von diesem Streik. Schließlich geht es um unsere Zukunft und die Zukunft unseres Traumberufs, auf den wir alle lange hingearbeitet haben. Für alle von uns ist es der erste Streik. Das erste Mal Flugblätter verteilen, das erste Mal den immer gleichen Gewerkschaftsreden lauschen, das erste Mal auf die Straße gehen.

Eine Begegnung hat mir die Entscheidung mitzustreiken leichter gemacht: An einem schönen Abend habe ich einen Verleger getroffen. Wir haben uns nur kurz über den Streik unterhalten, und dann sagte er: „Aber es gibt doch noch genügend Studenten, die ein Volontariat machen möchten, egal, wie viel sie danach verdienen, oder nicht?“

Natürlich gibt es die. Jedes Jahr verlassen mehrere hundert Studenten die Unis mit Abschlüssen in Kommunikationswissenschaft, Journalistik oder anderen Studienfächern. Wenn ich mein Volontariat hinschmeißen würde, gäbe es genügend andere, die sich darum reißen. Aber sollte das so sein? Sollte ich nach meinem Volontariat vielleicht übernommen werden, dann braucht der Job auch eine Perspektive. Das hat nicht nur, aber auch mit Geld zu tun: Denn irgendwann möchte ich eine Familie haben und sie ernähren können.

Momentan verbringen wir die meiste Zeit damit, den Leuten zu erklären, warum wir streiken. Sei es Freunden oder der Familie, sei es fremden Menschen auf der Straße, denen wir unsere Streikzeitung in die Hand drücken. Auf die Frage „Und wie läuft es bei dir so?“, antworten wir seit Tagen „Wir streiken“. Und glücklicherweise haben viele Verständnis dafür, wenn wir ihnen erzählen, zu welchen Bedingungen wir eingestellt werden würden, sollte uns nach dem Volontariat denn tatsächlich eine Stelle als Redakteur angeboten werden.

Und noch etwas brachte mich zum Nachdenken. Die Verleger sprechen davon, dass sie den Beruf des Redakteurs mit den Kürzungen auf die Zukunft vorbereiten wollen. Doch wie diese Zukunft aussehen könnte, das sagen sie nicht. Eine Vision für die kommenden zehn oder 15 Jahre? Gibt es nicht! Eine Strategie für den Umgang mit dem Internet oder mit Apps? Fehlanzeige!

„Die Zukunft gestalten“ lautet der Slogan der Verleger, aber dafür benötigen sie genau die jungen Menschen, denen sie in Zukunft weniger bezahlen wollen.

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

Diskussionen

5 Gedanken zu “Erst der Jackpot, dann die Straße

  1. wie die Zukunft schlecht bezahlter JournalistInnen aussehen könnte, kann man sich ja am Beispiel GB bestens vorstellen. Es geht doch darum, dass man sich unabhängigkeit und jourmnalistischenEthos „leisten“ können muss. In diesem Sinne viel Erfolg Ruth Weckenmann.

    Verfasst von Weckenmann, Ruth | 9. August 2011, 12:52
  2. Eine Frage: Könnte es sein dass das Problem sinkender Auflagen und abnehmender Qualität in (Regional-)Tageszeitungen auch damit zu tun hat, dass die falschen Leute Journalisten werden (wollen)?

    Dieser Eindruck drängt sich irgendwie auf, wenn man liest, dass den „Jackpot Volontariat“ jene gewinnen, die brav für Klausuren lernen, während ihre Mitstudierenden für bessere Studienbedingungen auf die Straße gehen – und deren oberste berufliche Priorität es zu sein scheint, sich „mit den Chefs gutzustellen“.

    Obrigkeitshörigkeit, Angepasstheit und Gehorsam habe ich bislang jedenfalls nicht für die Haupteigenschaften von Journalisten gehalten – aber vielleicht war das ja auch naiv.

    Verfasst von PJ | 10. August 2011, 12:11
    • Hallo PJ,

      stellen Sie sich vor, sie haben knapp zehn Semester studiert. Sie konnten es sich nur deshalb leisten, weil Sie ein wenig arbeiten waren und ein bisschen Geld von Ihren Eltern bekommen haben. Während des Studiums haben Sie unentgeltliche Praktika gemacht, denn nur mit ein wenig Erfahrung ist es möglich, ein Volontariat zu erhalten. Das wissen Sie, deshalb ist es Ihnen egal. Weil Sie Ihren Eltern nicht länger auf der Tasche liegen wollen, lernen Sie statt gegen die Studiengebühren zu demonstrieren, zumal die Demos erst dann stattfanden, als die Studiengebühren schon eingeführt waren – aber das nur am Rande.

      Nach dem Studium folgt die Bewerbung. Die erste Absage, die zweite. Irgendwann ist es so weit: Sie haben die Möglichkeit, ein Volontariat bei einer Zeitung zu machen. Was das bedeutet? Sie absolvieren über zwei Jahre eine Art Ausbildung. Eine Garantie für einen Job danach in der Redaktion gibt es nicht!

      Jetzt befinden wir uns in einem Tarifkonflikt mit den Verlegern. Da stellt sich schon die Frage nach der Zukunft. Und das hat viel weniger mit Obrigkeitshörigkeit, Angepasstheit und Gehorsam zu tun, als vielmehr mit realen Zukunftssorgen. Denn wenn ich meinen Job nicht für weniger Geld mache, dann gibt es hundertprozentig jemanden, der es tut. Man muss sich also eventuell entscheiden: Job oder Streik?

      Die Entscheidung, die Arbeit nieder zu legen ist mir nicht leicht gefallen. Sie ist uns allen nicht leicht gefallen. Wir, damit meine ich alle Volontäre bei der Stuttgarter Zeitung und bei den Stuttgarter Nachrichten. Alle sind in Streik getreten – es geht ja schließlich um uns. Genauer gesagt, geht es um das Geld und um die Arbeitsbedingungen, die uns einmal erwarten, wenn wir waschechte Redakteure sind.

      Viele Kollegen sind in den vergangenen Streiktagen zu mir gekommen und haben mir gratuliert: „Ich finde das mutig, dass Du als Volontär streikst“, oder „Das haben sich die Volos nicht immer getraut“, haben sie gesagt. Damit verbunden war die Anmerkung, dass wir uns ja nicht sicher sein können, dass wir einmal übernommen werden bei unseren Zeitungen. Dazu habe ich immer gesagt: „Wir sollen doch als Journalisten allen möglichen Menschen kritisch auf die Finger schauen und unseren Mann stehen – egal wer uns gegenüber steht. Dann muss unser Arbeitgeber es auch aushalten, wenn wir für unsere eigenen Belange einstehen.“ Wenn Journalisten nicht streiken dürfen, wer denn dann?

      Verfasst von Volontär | 11. August 2011, 20:59
  3. Lieber Volontär,

    wir verstehen uns hier irgendwie falsch. Ich bin mit Ihnen absolut einer Meinung, was die Gründe für diesen Streik angeht. Diese halte ich für genauso richtig und wichtig, wie Sie das offenbar tun. Mir erschien es nur so, als seien dem/den Verfasser/n des Beitrag diese Gründe erst im Laufe des Streiks einigermaßen bewusst geworden – und darauf bezog sich mein Kommentar.

    Schon im Einstieg bekennt ein/der Autor, dass er „kein Klassenkämpfer“ ist, lieber lernt, statt zu demonstrieren und – sich vor die Entscheidung gestellt, ob er streiken soll oder nicht – zuallerst fragt, was sein Chef wohl davon hält. Für mich liest sich das so, als wäre da jemand sehr auf die eigene Sicherheit und das persönliche Fortkommen bedacht und möchte (um Gottes Willen!) bloß nicht anecken. Man könnte sich ja damit eine Chance versauen. Und genau diese Haltung finde ich unangebracht – erst Recht für einen Journalisten.

    Die angeblich so prekäre Situation für Berufseinsteiger ist dabei eine ziemlich lahme Ausrede. Glauben Sie mir, Sie sind bei weitem nicht der einzige Studierende, der während des Studiums aufs Geld schauen muss und danach Monate, evtl. sogar Jahre braucht, um beruflich Fuß zu fassen. Die Praktikumsorgien in vielen Studiengängen (und vor allem danach) sind ja auch deshalb möglich, weil wir es mit uns machen lassen. Weil wir so eingeschüchtert sind, dass wir Vieles schlucken, nur um eine Chance zu kriegen.

    Und die Arbeitgeber wissen das natürlich zu nutzen, sie sind ja auch nicht blöd. Oder glauben Sie ernsthaft, dass all jene von Ihnen zitierten Heerscharen, die angeblich für ein Volontariat Schlange stehen auch tatsächlich fähig dazu sind? Wieviele Leute in ihrem Studiengang wollten Journalist werden? Und wie vielen davon würde Sie es tatsächlich zutrauen? Fragen Sie doch einfach mal in der Personalabteilung des Pressehauses nach, wer sich so alles für ein Volo bewirbt. Und wieviele erfolgreiche Bewerber wieder absagen, weil sich doppelt und dreifach beworben und woanders eine Zusage erhalten haben. Denn, und das weiss ich aus Erfahrung: Wer ausreichend Talent und Hartnäckigkeit hat, finde auch heutzutage noch einen Voloplatz. Sie haben ja auch einen.

    Außerdem: Ist Ihnen vielleicht schon mal der Gedanke gekommen, dass ihr Chef es vielleicht sogar gut findet, dass Sie streiken? Dass er ihr Anliegen vielleicht sogar insgeheim unterstützt, nur wegen seiner Position nicht so kann, wie er gerne möchte. Es soll ja durchaus noch Ressortleiter und Chefredakteuere geben, die Wert auf Mitarbeiter legen, die Rückgrat haben und Menschen die Stirn bieten, die in Hierarchien über ihnen stehen. Wie sollte man sonst auch einem Bürgermeister/Konzernchef/Minister/Polizeipräsidenten/etc. unangenehme Fragen stellen können, wenn man sofort im Hinterkopf hat: „Und was, wenn er sich bei meinem Chef beschwert? Mein Gott, was wird die Anzeigenabteilung dazu sagen?“

    Sie verstehen, worauf ich hinaus will?

    Verfasst von PJ | 13. August 2011, 14:46
    • P.S.: Oh, ich sehe gerade, dass Sie eben dies ja in Ihrem letzten Abschnitt geschrieben hatten. Habe ich wohl überlesen, sorry. Dann sind wir ja in etwa einer Meinung…. 😉

      Verfasst von PJ | 15. August 2011, 13:57

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