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Der Zuspruch der Straße

Seit einem Monat erhalten die Abonnenten der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten ihre Zeitung nahezu täglich in verminderter Qualität und mit viel weniger Seiten, als sie es gewohnt sind, zahlen aber nach wie vor denselben Preis. Grund genug für Frust und Ablehnung – auch gegenüber den streikenden Journalisten? Nein! Das hat der Montag auf dem Stuttgarter Marktplatz gezeigt, bei dem die Streikenden um Verständnis bei ihren Leserinnen und Lesern warben. Böses Blut aus den Reihen der Leserschaft? Fehlanzeige! Eine Auswahl der Gespräche:

Der Beamte Vor seiner Pensionierung hat der Stuttgarter in der Stadtbibliothek gearbeitet. Jetzt zeigt er volles Verständnis für den Streik und wundert sich über die Verleger: „Das ist doch traurig, dass die Arbeitgeber nicht merken, was sie für einen großen Fehler machen“, sagt er. Am meisten wundert ihn nicht etwa die Forderung einer 25-prozentigen Gehaltskürzung, sondern die Überlegung, Gehaltsstufen zu strecken. „Bei uns wird man über das gesamte Berufsleben hinweg immer besser bezahlt“, sagt er. „Dass ein junger Journalist noch nicht einmal vierzig Jahre ist und dann mit 4400 Euro seine höchste Gehaltsstufe erreicht hat, das kann nicht sein.“

Die Zögernde Auch eine ältere Dame unterstützt die streikenden Journalisten. „Eigentlich wollte ich die Zeitung abbestellen“, sagt sie. Aber ihr Mann habe das nicht gewollt. „Der kann nicht ohne seine Tageszeitung auskommen“, erzählt sie und lacht dabei. Also fügt sie sich ihrem Schicksal. Doch so einfach ist es dann doch nicht. Vergangene Woche sei ihr Sohn zu Besuch gewesen. „Der meinte, dass die Verleger jetzt satte Gewinne erzielen, weil sie die Redakteure ja nicht bezahlen müssen“, sagt sie. Das habe ihr Sohn nicht hinnehmen wollen und deshalb die Zeitung kurzerhand fürs Erste gekündigt. Bestellen will er sie erst wieder, wenn der Streik vorbei ist. „Machen Sie nur weiter“, ermutigt sie die Streikenden. Die Forderungen der Verleger hält sie für unverschämt. „Das darf man nicht auf sich sitzen lassen!“

Der Interessierte Eine Weile hat der Industriemechaniker auf den Treppen vor dem Rathaus ausgeharrt und dem bunten Treiben auf dem Marktplatz still zugesehen. Dann kommt er herbei. Ob er ein paar Fragen stellen dürfe, will er wissen. Natürlich darf er. Und das tut er dann auch. Über den Hintergrund des Streiks will er einiges erfahren, über die Arbeitsbedingungen der Journalisten ebenso. Später darüber, wie sich die Medienwelt verändert hat. Zum Schluss noch über die Macht der Medien. Manipulieren sie, bewusst oder unbewusst, ihre Leser? Gibt es Verbindungen zur Politik oder zur Wirtschaft? Wie objektiv wird berichtet? Wie objektiv kann berichtet werden? Wie verhält es sich mit der Wahrheit? Ruhig und geduldig agiert der Mann, der erlebt hat, wie während der jüngsten Wirtschaftskrise die Kurzarbeit Einzug gehalten hat in sein Unternehmen. Viele Kollegen sind in der Zeit entlassen worden. Am Ende, es müssen 15 Minuten vergangen sein, vielleicht auch 20 – eventuell auch nur 10, aber das ist unwahrscheinlich –  bedankt er sich. „Ich wünsche ihnen viel Glück“, sagt er.

Der Informierte Der Herr mittleren Alters lehnt die Streikzeitung, die ihm angeboten wird, dankend ab. „Ich weiß doch, worum es geht“, sagt er. „Und ich stehe voll hinter Ihnen!“ Natürlich sei er verärgert, wenn er morgens an seinen Briefkasten komme und die Zeitung wieder dünner sei als die Werbung darin. „Aber machen Sie weiter, wehren Sie sich! Sie machen das genau richtig!“ Und irgendwann sei die Zeitung ja hoffentlich auch wieder dicker.

Die Bilder des Tages (Fotografen: Michael Steinert und Streikblog0711) zeigen Joe Bauer beim Mioderieren, den Magier Thorsten Strotmann beim Verblüffen, Politiker und Passanten im Gespräch mit Journalisten, den Graffitikünstler Marc Dasing bei der Arbeit und die Tänzer von Multi Cube.

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

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