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Der Leser und die zehn Gebote

Von Ulrich Warnke

»Gazetten dürfen, so sie delectieren sollen, nicht genieret werden(Friedrich der Große, Brief an Voltaire, 13. April 1756)

Den offensichtlich auf Gewinnmaximierung erpichten Managern der Zeitungsverlage von heute war der aufgeklärte und aufklärerische preußische König schon vor einem Vierteljahrtausend meilenweit voraus. Er wusste, dass Zeitungen, die »delectieren« (also unterrichten und informieren, kurz: interessant sein) sollen, nicht »genieret« (also eingeengt, gegängelt, bedrängt, finanziell ausgetrocknet) werden !dürfen“!

Interessante, vielgestaltige, die Zeitläufte erklärende und deutende Artikel setzen interessierte, informierte, engagierte Redakteure voraus, die niemandem nach dem Munde schreiben müssen, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen.

Auch wenn der vom DJV Stuttgart hergestellte Zusammenhang zwischen schlecht bezahlten Journalisten und schlechten Artikeln ebensowenig einleuchtet wie sein Gegenteil, muss aber selbstverständlich doch gewährleistet sein, dass die journalistische Zunft wirtschaftlich und arbeitsrechtlich so gestellt ist, dass sie ihre überaus wichtige Informations- und Kontrollfunktion in vollkommener Unabhängigkeit erfüllen kann, durch Faktenvermittlung und Meinungsbildung.

Wie wohltuend hebt sich ein guter Zeitungsartikel von dem Halbsatzgestammel, dem Durcheinandergerede, dem bloßen Anreißen bruchstückhafter Gedanken und, in den allermeisten Fällen, in reine Mauldiarrhö ausufernden Talkshows – die Pest unserer Tage – ab!

Als Zeitungsleser ermuntere ich deren Redakteure, ihr Berufsethos der bloßen Gewinnmaximierung der Zeitungsverlage mutig und kämpferisch entgegenzustellen, um ihrer Berufung gerecht zwerden zu können, denn Aufklärung ist keine abgeschlossenene geistesgeschichtliche Epoche, sondern eine ständig neu zu leistende und zu bewältigende Aufgabe!

Erinnert sei zudem an die zehn Gebote für einen guten Journalismus, die der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau 2004 bei der Jahrestagung der Vereinigung „Netzwerk Recherche“ vorstellte:

01.) Gute Journalisten brauchen eine gute Ausbildung.
02.) Guter Journalismus kostet Geld.
03.) Journalisten müssen unabhängig von ökonomischen Interessen sein.
04.) Gute Journalisten brauchen einen eigenen Kopf.
05.) Journalisten müssen Zusammenhänge erkennen.
06.) Journalisten sollten einen Standpunkt haben.
07.) Journalisten sind Beobachter, nicht Handelnde.
08.) Journalisten sollten die Wirklichkeit abbilden.
09.) Journalisten tragen Verantwortung für das, was sie tun.
10.) Journalisten tragen Verantwortung für das Gemeinwesen.

Zur Person: Ulrich Warnke stammt aus Pommern, er war Gymnasiallehrer für Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde in Stuttgart von 1968 bis 1990 und Schulleiter des Gymnasiums in der Glemsaue in Ditzingen von 1990 bis 2003. Der 72-Jährige engagiert sich als Rezitator und Redner im Ditzinger Kulturleben. Er ist seit Jahrzehnten ein kritischer Leser der Stuttgarter Zeitung, mit der Redaktion der Lokalausgabe „Strohgäu Extra“ steht er ständig in konstruktivem Dialog und bemängelt nicht nur falsche Zitate oder den haarscharf daneben gegangenen Gebrauch von Fremdwörtern. An gutem Journalismus schätzt er den kritischen Geist der Schreiber – und wird ungemütlich, wenn diese die Grammatik nicht hundertprozentig beherrschen. Das gehört seiner Meinung nach nämlich unbedingt dazu.

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

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