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Autorentexte, Stimmungsbilder

Niedergang eines Berufsstandes

Die Tageszeitungs-Verleger wollen es wissen. Vor zwei Jahren haben sie verlangt, die jungen Redakteurinnen und Redakteure sollten auf 25 Prozent von dem verzichten, was bisher an Gehalt vereinbart war. Das haben wir abgewehrt. Jetzt fordern sie, wir alle, die jungen und die alten Redakteure, sollen ein Monatsgehalt oder mehr hergeben, wir sollen auf bisher vereinbarte Gehaltssteigerungen und auf bis zu vier Urlaubstage verzichten. Jene Journalisten, die in Gebieten mit nicht so hoher Kaufkraft arbeiten – absurderweise beispielsweise in Freiburg mit seinen vielen Studenten – sollen auf viele Jahre hinaus überhaupt keine Lohnerhöhung bekommen. Das alles summiert sich auf einen Lohnverzicht oberhalb der 10-Prozent-Marke. Offiziell ist dies zwar noch nicht öffentlich verkündet, den Gewerschaften aber in den Vorgesprächen bereits gesagt worden.

Es geht um Geld. Die Einkommensentwicklung der Redakteure bleibt bereits seit einem Jahrzehnt weit hinter der Inflation zurück. Wir sind abgekoppelt worden von der Gehaltssteigerung in fast allen anderen Branchen. Jedenfalls den großen Verlagen geht es derweil trotz der Zeitungskrise gut, etliche von ihnen machen noch Gewinne von zehn und mehr Prozent. Das ist auch deshalb so, weil in den vergangenen Jahren in den Redaktionen geholzt worden ist, Kollegen entlassen oder herausgedrängt worden sind. Immer weniger Journalisten müssen immer mehr Aufgaben bewältigen, längst auch für den Internetauftritt. Freie Journalisten leiden noch stärker als die Angestellten unter dem Spardiktat.

Soweit es nur um das Geld geht, müssen das die Journalisten schon alleine mit den Verlegern ausfechten. Die Öffentlichkeit aber muss ein Interesse daran haben, dass die Zeitungen noch das leisten, was in einer demokratischen Gesellschaft von ihnen erwartet werden kann: die zur Meinungsbildung notwendige präzise und umfassende Information und die Kontrolle der Mächtigen. Dafür und nur dafür hat das Grundgesetz die Presse mit einigen Vorrechten ausgestattet. Viele Zeitungen aber werden schlechter. Die Journalisten können unter den real existierenden Arbeitsbedingungen selbst unter größter Anspannung die gewohnte Qualität und die traditionellen Standards nicht mehr halten. Wer in die Redaktionen hineinschaut, sieht den von Missachtung und Geringschätzung begleiteten Niedergang eines Berufsstandes. Darüber sollte diskutiert werden. In den traditionellen Tageszeitungen findet diese Diskussion bis jetzt nicht statt. Die Leser müssen sie einfordern. Sonst gehen die Zeitungen vor die Hunde. Stefan Geiger

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

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