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„Aus dem letzten Jahrhundert“?

Das Urteil, das der Verhandlungsführer der Zeitungsverleger spricht, ist vernichtend: „Die Regelungen stammen aus dem letzten Jahrhundert“, sagt Georg Wallraf über das momentane Tarifsystem. „Sie hatten damals ihre Berechtigung“, heute aber sehe die Arbeitswirklichkeit in den Redaktionen ganz anders aus. Deshalb sei ein grundlegender Umbau des Tarifwerks nötig.

Was der Vertreter des BDZV (Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger) sagt, hört sich plausibel und auf Anhieb auch sympathisch-modern an an. Hinter der beschönigenden Vokabel vom Umbau steht allerdings vor allem der Wunsch nach deutlichen Einschnitten für viele der rund 14 000 Zeitungsredakteure und für den künftigen Nachwuchs.

Die Arbeitgeber haben daher den Manteltarifvertrag gekündigt. Sie verlangen nun eine Paketlösung: Es soll nicht nur über das Gehalt verhandelt werden, sondern auch darüber, wie die Altersversorgung umgestaltet, der Urlaubsanspruch begrenzt, die bisherige Gehaltsstaffel abgeflacht und der unterschiedlichen Lage in den einzelnen Regionen Rechnung getragen wird. „Es gibt ein Nord-Süd- und ein West-Ost-Gefälle in Deutschland. Das muss sich auch in den Tarifen abbilden“, heißt es dazu beim BDZV.

Konkreter wird man freilich offiziell vor der nächsten Verhandlungsrunde am 23. August noch nicht. Da gebe es unterschiedliche Modelle, betont eine Sprecherin. Möglich seien Zuschläge in den Großstädten. Möglich sei auch, dass sich das Gehalt an der Größe einer Zeitung orientiere oder dass die Kaufkraft einer Gegend zum entscheidenden Maßstab werde.

Zumindest die letzte Idee ist im Verlegerverband schon mit weiteren Überlegungen unterfüttert worden. Danach würde sich die Höhe des Lohns bald nach einem Index richten, der grob gesagt in Bayern und im Südwesten mit 100 den höchsten Wert hätte. In den meisten anderen Regionen gäbe es von diesem Wert aber Abschläge um bis zu 25 Prozentpunkte. Diese wären bei Neueinstellungen sofort wirksam, würden also hier die Gehälter direkt drücken, und sie würden länger Beschäftigte über Jahre hinweg von möglichen Tariferhöhungen abkoppeln.

Widerstand aus Süddeutschland

Ob allerdings solch ein Modell mehrheitsfähig im Arbeitgeberlager ist, bleibt zweifelhaft. Angeblich soll es Widerstand von süddeutschen Verlegern geben, die von dieser Variante ja auch kaum profitieren würden. Noch stärker ins Kontor schlagen würde ohnehin die anvisierte weitgehende Streichung des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes. Summiert sich dieses momentan noch auf 175 Prozent eines Monatslohnes, sollen nach inoffiziellen Überlegungen demnächst nur rund 75 Prozent gezahlt werden. Alles, was darüber hinausgeht, wollen die Verlage von ihrer wirtschaftlichen Situation abhängig machen. Zudem wünschen sich viele im BDZV den Urlaubsanspruch auf 30 Tage zu deckeln, während jetzt je nach Altersgruppe noch bis zu 34 Urlaubstage drin sind. Auch dass das Gehalt eines Redakteurs bisher mit zunehmender Erfahrung steigt, ist einigen Verlegern ein Dorn im Auge. Es gehe nicht mehr an, dass der Verdienst vom Berufseinstieg bis zum 11. Berufsjahr automatisch um etwa 50 Prozent steige, wird geklagt.

Künftig sollten Erhöhungen von Weiterbildungen und Leistungsindikatoren abhängig gemacht werden. Welche Kriterien da eine Rolle spielen könnten, hat Wallraf gegenüber der „taz“ bereits angedeutet: Die Entwicklung der Auflage könne ebenso zählen wie der Anzeigenumfang, die Zahl exklusiver Geschichten, die Zitierhäufigkeit in den Agenturen und die Frage, ob jemand seine Redaktion nach außen repräsentiere.

Die Folge von solcher Art „Modernisierungen“ dürfte in vielen Fällen freilich ein kräftiges Minus für Neueingestellte beziehungsweise ein Einfrieren der Gehälter zahlreicher bereits Beschäftigter sein, während bestenfalls eine kleine Minderheit von den hier in Aussicht gestellten Zuschlägen etwas hätte. Auch Berufsanfänger bekämen wohl nur kurzfristig etwas mehr, langfristig allerdings viel weniger.

Nur noch Mindeststandards

Wallraf lässt denn auch keinen Zweifel daran, dass ihm die Standards des bisherigen Tarifsystems zu hoch sind. Künftig, so der Jurist, solle man sich an den Schwächsten der Branche orientieren und nur noch Mindestbedingungen im Tarif festzurren.

Zentrale Argumente der Verleger für diese Art Sparkurs sind Anzeigenschwund und Auflagenverluste der Vergangenheit. Schwächelnden Unternehmen müsse man mit den Absenkungen bei den Redakteuren Luft verschaffen, heißt es. Dann könne womöglich der ein oder andere Verlag sogar wieder in die Tarifbindung zurückkehren.

Solche Versprechen allerdings bleiben vage. Schon bisher bot der Tarifvertrag nämlich die Möglichkeit zur Reduzierung von Gehältern, wenn ein Unternehmen in Schieflage geriet. Diese Öffnungsklausel wurde jedoch nicht genutzt. „Sie war unpraktikabel“, heißt es im BDZV dazu. Dort meint man allerdings auch, die Gewerkschaften mit Angeboten locken zu können. So könnten künftig die Onliner ausdrücklich in den Geltungsbereich der Tarifverträge mit einbezogen werden, wird betont. Außerdem solle die Volontärsausbildung reformiert und den Anforderungen des Internetzeitalters angepasst werden. Das freilich könnte auch bedeuten, diese Lernzeit von zwei auf drei Jahre zu verlängern. So hätten die Verlage ein Jahr länger eine billige Arbeitskraft. Sie hätten schon wieder auf Kosten der Mitarbeiter gespart.

Michael Trauthig

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Stuttgarter Journalisten im Streik

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