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Autorentexte, Stimmungsbilder

So arbeitet eine feste Freie heute

Nein, so habe ich mir das nicht vorgestellt, als ich im Oktober 1996 nach meinem Volontariat in der Böblinger Kreisredaktion der Stuttgarter Zeitung anfing. Getan hat sich seither nichts – was meinen Status angeht.

Naja, fast nichts.

Birgit Klein

Birgit Klein

Vor 17 Jahren war ich eine feste Freie, heute bin ich Pauschalistin (dazwischen war ich noch bei zwei anderen Zeitungen). Der Unterschied? Ich werde nicht mehr nach Zeile bezahlt, sondern bekomme eine Tagespauschale. Allerdings nur, wenn ich auch arbeite. Doch dazu später mehr.

Während sich mein Status nicht verändert hat, hat sich dafür einiges in der Redaktion gewandelt. Als ich anfing, arbeiteten in der Böblinger Redaktion drei festangestellte Redakteure und ich – als ausgebildete Redakteurin mit abgeschlossenem Hochschulstudium – als Freie (auch Vollzeit). Wir lieferten Stoff für zwei Seiten, die in der Zentrale in Möhringen gebaut wurden.

Heute gibt es in der Kreisredaktion Böblingen einen festangestellten Redakteur und zurzeit vier Freie (zwei Kolleginnen teilen sich eine Stelle), außerdem werden die Seiten in Böblingen gebaut. Wir Freien – durch die Bank in dem Metier ausgebildet – arbeiten wie festangestellte Redakteure: Wir kümmern uns um unsere Geschichten mit allem Drum und Dran von der Grafik über Bilder bis zum Nachgefragt und Kommentar, regen Themen an, gehen in Kreistags- und Gemeinderatssitzungen, sind in den Wochenenddienst eingebunden, layouten das Blatt und halten die Redaktion am Laufen. Bezahlt werden wir aber nicht wie Festangestellte: keine Altersvorsorge, kein Urlaubs- und kein Weihnachtsgeld, keine bezahlten Urlaubs- und keine bezahlten Krankheitstage (wobei es hier unterschiedliche Regelungen für Freie geben soll).

Unterm Strich verzichten wir Freie auf viel Geld – heute und im Alter. Auch gibt es für uns keine Staffelung nach Berufsjahren. Aber wir sind immer noch nicht billig genug. Erst Anfang des Jahres wurden wir über eine erneute Deckelung der Honorarsätze informiert, die für einen Vollzeit-Pauschalisten wie mich ein Minus von fast zehn Prozent vom Jahreseinkommen bedeutet.

Mehr arbeiten, weniger verdienen

Nein, so habe ich mir das nicht vorgestellt: Verglichen mit meiner Anfangszeit bei der StZ arbeite ich heute deutlich mehr als früher, habe – als Blattmacherin – mehr Verantwortung, verdiene aber im Jahr um einiges weniger.

Dabei wollte ich immer den Beruf des (Tageszeitungs-)Redakteurs unbedingt erlernen und ausüben, weil ich ihn spannend und abwechslungsreich finde, jeden Tag etwas Neues lernen kann. Es gibt keine Tages- und keine Nachtzeit, zu der ich noch nicht für die Zeitung unterwegs war. Und was hat mir der Einsatz gebracht? Eine Festanstellung jedenfalls nicht – noch nicht einmal die Aussicht darauf.

Das Signal, das man damit an seine Mitarbeiter sendet, ist – meiner Meinung nach – verheerend: Engagement lohnt sich nicht. Das sagen sich wahrscheinlich nicht nur die Kollegen, die schon seit einigen Jahren in dem Beruf sind, sondern auch die jungen Kollegen, die nachrücken. Gibt es eine wirksamere Motivationsbremse? Birgit Klein

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

Diskussionen

4 Gedanken zu “So arbeitet eine feste Freie heute

  1. Liebe Kolleginn Klein,
    ich finde wie mit Euch freien Mitarbeitern durch euren Arbeitgeber umgegangen wird, entwürdigend und schäbig. Eine Lösung des Problems sehe ich nur noch darin das der Gesetzgeber solche Beschätigungsverhältnisse verbietet und den Arbeitsmarkt wieder stärker reguliert.
    Alle Angriffe der Gewerkschaften, Arbeitgeber die Mitarbeiter in der Form wie Dich behandeln, an den Pranger zu stellen, um so ein umdenken zu bewirken, sind in allen Branchen gescheitert. Liebe Grüße Jürgen Lux Personalratsvorsitzender Klinikum Stuttgart

    Verfasst von Jürgen Lux | 30. August 2013, 10:21
  2. Ja das stimmt leider! Aber nicht nur Redakteure sind die leidtragenden. Was ist eigentlich die Arbeit der Redakteure? Müssen sie am PC sitzen und die Seiten zusammenbauen? Sie sollten doch unter die Leute
    gehen und Artkel schreiben. Redakteure sind doch auch Schuld daran, daß man die Produktioner entfernte, also hab ich kein Mitleid mit denen. Tut mir leid!!

    Verfasst von seppel | 30. August 2013, 15:29
  3. Liebe Kollegin, deinen Frust kann ich gut verstehen, meine Vita ist ganz ähnlich. Auch ich liebe meine Arbeit und möchte nichts anderes tun – doch es hilft nichts: Ob Zeilengeld oder Pauschale, das Arbeitsleben als Freie ist hart und wenig ertragreich, es ist eine prekäre wirtschaftliche Situation, die trotz hoher Qualifikation und stetem Fleiß in die Altersarmut führt. Daher schließe ich mich der Argumentation des Gewerkschafters aus Stuttgart an, der eine gesetzliche Regulierung des Arbeitsmarktes befürwortet, anders wird’s nicht besser. Liebe Grüße von Kristina (Ex-Journalistin, leider)
    PS: Mittlerweile habe ich eine andere Tätigkeit gefunden, die mich gut ernährt und sogar wirklich Spaß macht, doch ich vermisse meine journalistische Arbeit und auch die GEA-KollegInnen.

    Verfasst von Kristina Wiechert | 7. Oktober 2013, 12:37
  4. Liebe Frau Klein, leider ist es schon seit vielen Jahren so wie Sie es auch beschreiben. Meine persönliche Konsequenz aus dieser Entwicklung ist die, sich als Journalistin wirklich frei zu machen. Es gibt heute das Internet und die Verlage sind nicht mehr wirklich erforderlich, um Sachverhalte oder gute Geschichten zu verbreiten. Den Vorsprung oder auch den Wettbewerbsvorteil dem Leser Qualitätsjournalismus zu liefern, den haben sich die Verlager in der Region allesamt verzockt. Mit genau der Personalpolitik oder besser gesagt diesem Controlling, was seit Jahren heißt: Gewinn erwirtschaften geht über alles. Der Streik wird den festen Redakteuren vielleicht ein wenig bringen, ich bezweifele aber, dass sich etwas an Ihrer Situation ändern wird, es sei denn Sie ändern sie. Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Erfolg weiterhin. Was auch immer für Sie Erfolg bedeuten mag.

    Verfasst von Klaudia | 7. Oktober 2013, 12:47

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