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Autorentexte, Stimmungsbilder

So arbeitet ein Lokaljournalist heute

Die sich verändernden Rahmenbedingungen – Stellenstreichungen, Nichtbesetzung freier Stellen, cross-mediales Arbeiten, Newsroom – wirken sich in besonderem Maße auf die Arbeit der Lokalredaktion und ihrer Redakteure aus. Ihre Arbeit ist schon bisher geprägt vom Arbeiten am Anschlag, denn sie sind Generalisten, müssen sich täglich in neue Themen einarbeiten, Bebauungspläne ebenso lesen können wie Gleis- und Haushaltspläne oder Bankbilanzen.

Anders als die Kollegen in der Mantelredaktion ist die Lokalredaktion ihre eigene Nachrichtenagentur. Jede Idee, jeder Satz ist eine Eigenleistung. Die Artikel sind selbst recherchiert. Müssen mehr Artikel verfasst werden, weil weniger Personal zur Verfügung steht, steigt die Arbeitsbelastung. Müssen die eigenen Texte noch für Online aufbereitet werden und muss noch eine Vorabmeldung geschrieben werden, wächst die Arbeitsverdichtung weiter.

Bleibt die für das Tagwerk zur Verfügung stehende Arbeitszeit konstant, was in Anbetracht der ohnehin schon hohen Belastung ein anzustrebendes Ziel ist, besteht zwangsläufig die Gefahr, dass sich die Qualität des Produkts verschlechtert. 15 oder 30 Minuten Mehraufwand für organisatorische und Nebentätigkeiten bedeuten weniger Recherche, weniger Kontaktpflege, weniger Nachfragen und weniger Korrekturlesen. Das lässt sich auf Dauer nicht kompensieren. Zumal dann nicht, wenn die Arbeit auf immer weniger Redaktionsmitglieder verteilt wird. Das führt zu einer geringeren Personalstärke auch an normalen Arbeitstagen. Besonders negativ wirkt es sich aus, wenn erfahrene Kollegen kurzfristig das Haus verlassen, etwa durch eine Abfindungsregelung. So gehen zusätzlich unweigerlich Erfahrung, Netzwerk und Kompetenz verloren.

Der Druck von innen und außen auf die Lokalredaktion und den Redakteur hat drastisch zugenommen. Kommt er von Politikern, Unternehmen und Organisatoren, gehört dies zum täglichen Arbeitsleben. Er wäre nur dann von Relevanz, wenn die Rückendeckung der Vorgesetzten fehlen würde.

Dramatisch verändert hat sich die Situation aber vor allem für die Redakteure, deren Lebensumfeld zwangsläufig Schnittmengen mit ihrem Arbeitsgebiet aufweist. Es geht um das Verhältnis zum meinungsstarken Leser. So sehr es die Motivation fördert, mit einer Berichterstattung zumindest mittelbar Einfluss auf Entscheidungen und Entwicklungen nehmen zu können, so belastend sind mittlerweile die negativen Reaktionen der Leser – vor allem, weil diese im Schutz der Anonymität in Internetforen und sozialen Netzwerken stattfinden.

Der Lokalredakteur steht längst nicht mehr nur stellvertretend für die Zeitung, sondern wird in erster Linie als Privatperson wahrgenommen, die es sich gefallen lassen muss, dass man sie beleidigt, bedroht und sich öffentlich über ihre privaten Lebensumstände auslässt. Verunglimpfungen der Person und der Familie mit Datenmissbrauch sind umso leichter möglich, je mehr private Informationen in Schrift- und Bildform über den Mitarbeiter veröffentlicht werden. Mit diesem Material so zurückhaltend wie möglich umzugehen steht allerdings im Gegensatz zum angestrebten Unternehmensziel, sich dem Leser anzudienen und online anzunähern. Es ist gut, dass der Redakteur in diesem Fall die Wahlfreiheit hat – und das Recht, im Hintergrund zu bleiben. Jörg Nauke

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