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Autorentexte, Stimmungsbilder

Auf Verschleiß gefahren

Wo zu kräftig gespart wird, stellt sich oft heraus: personelle Auszehrung schlägt früher oder später auf die Qualität durch. Und das merken dann die Leser. Es ist also kein Gutmenschengerede zu konstatieren: langfristig ist eine solide Personalausstattung in den Redaktionen inhaltlich wie auch ökonomisch
sinnvoll.“ Das sagen nicht wir, die Journalistinnen und Journalisten der Tageszeitungen, denen die Verleger gerade wieder einmal einen Teil ihres Einkommens wegnehmen wollen, das sagt Joachim Gauck, der Präsident der Bundesrepublick Deutschland.

Recht hat er. Viele Tageszeitungen werden schlechter, seit Jahren schon. Das ist die Folge eines rigiden Spardiktats in den Redaktionen, unter dem nicht nur die Journalisten, unter dem gerade auch die Leser leiden. Dort, wo Kolleginnen und Kollegen hinausgedrängt worden sind und die Zurückgebliebenen auch deren Arbeit übernehmen, zusätzlich noch für neue Online-Angebote arbeiten sollen, muss die Qualität der Zeitungen leiden, weil die alten, einst selbstverständlichen Regeln des journalistischen Handwerks unter diesem Druck nicht mehr eingehalten werden können.

Jetzt fordern die Verleger bereits zum zweiten Mal binnen zwei Jahren, dass die verbliebenen Journalisten auch noch für weniger Geld arbeiten sollen. Und dies, obwohl die Gehälter bereits seit einem Jahrzehnt hinter der Inflation zurückbleiben, die Redakteure von der allgemeinen Einkommensentwicklung abgehängt sind. Deshalb müssen wir streiken, und deshalb werden wir streiken. Und deshalb gehen wir in die Öffentlichkeit.

Dass es etlichen Zeitungen schlechter geht, bestreiten wir nicht. Den großen Konzernen geht es nach wie vor ordentlich. Einzelne vermelden Traumrenditen. Wir sind bereit, unseren Teil dazu beizutragen, dass die Zeitungen wieder aus ihrer Krise herauskommen, durch unsere Arbeit, durch die Qualität unserer Arbeit. Dazu bedarf es aber auch des unternehmerischen Mutes. Kaputtsparen kann nicht die Lösung sein. In diesen Monaten werden viele Zeitungen auf Verschleiß gefahren.

Es geht in dieser Tarifauseinandersetzung, von der in den Zeitungen selbst kaum etwas zu lesen ist, nicht nur um das Geld. Diesen Kampf müssen die Journalisten selber ausfechten. Es geht auch um die Entwertung und die Degradierung eines Berufsstandes. Vor allem aber geht es um die Zukunft der Tageszeitungen. Dort, wo Journalisten nicht mehr die Freiheit haben, gründlich zu recherchieren, sorgfältig zu schreiben, begründet zu argumentieren, dort, wo die Qualität der Zeitungen schwindet, leidet die Demokratie. Das geht alle an. Stefan Geiger

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

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