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Aktionen, Autorentexte

Joe Bauers Rede zum Zeitungsstreik (27. März 2014)

Guten Tag, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Unterstützer, Sympathisanten, Zaungäste, willkommen auf unserer Streikbühne unter freiem Himmel auf dem Schlossplatz!

Wir haben heute einen guten Frühlingstag erwischt in dieser aufregenden Woche, da die Straßenbahnen und die Müllautos stillstanden, da die Kolleginnen und Kollegen in den Kitas und den Krankenhäusern streikten. Die Journalisten der Tageszeitungen sind seit Montag im aktiven Arbeitskampf, und ausgerechnet in unserem Beruf ist es besonders schwierig, den Menschen zu vermitteln, warum wir streiken.

250 Journalisten beim Auftritt von Eric Gauthier auf dem Schlossplatz

250 Journalisten beim Auftritt von Eric Gauthier auf dem Schlossplatz

In den Tarifverhandlungen, die heute Nacht erneut abgebrochen wurden, geht es zwar auch um sogenannte Gehaltserhöhungen. In erster Linie aber geht es um unsere Arbeit selbst, um die Qualität des Journalismus. Wir kämpfen für das gute Handwerk unserer Berichterstattung, egal ob auf Papier oder online, es geht um das demokratische Recht der Bürger auf Information und Aufklärung. Schlechter Journalismus, meine Damen und Herren, Billigware in diesem bedrohten Beruf, ist nichts anderes als die Aushöhlung der Meinungsfreiheit. Darum müssen wir uns zu gemeinsamen Aktionen wie jetzt auf dem Schlossplatz treffen: Wir nehmen unser Recht auf Versammlungsfreiheit wahr, um das Recht auf Meinungsfreiheit zu verteidigen.

Die Verlagsmanager haben sogar vor, die tariflichen Leistungen abzubauen, und das bedeutet: Die Presse ist nicht länger die vierte Staatsgewalt mit qualifizierten Journalisten, sie verkommt zu einer Ramschware der Werbe- und Unterhaltungsindustrie. Wenn die Verlagsmanager ihren Propaganda-Slogan „Tarifwerk Zukunft“ streuen, dann müssen für uns die Zeichen auf Alarm stehen: Die Floskel Zukunft ist in der Wirtschaft immer nur ein anderes Wort für Profitmaximierung. Die Devisen, mit denen Leute wie Uli Hoeneß spekulieren, heißen nicht umsonst „Futures“. Und ohne gute Reporter lässt man allen Machenschaften freien Lauf.

Leider finden sich in unseren Zeitungen immer mehr amtliche Verlautbarungen. Diese Texte gleichen oft politischer Propaganda und Vertuschungsversuchungen. Der Ruf der Zeitungsfritzen ist ziemlich ramponiert. Wir müssen deshalb lernen, was das Wort Arbeitskampf für uns bedeutet: Wir kämpfen um unsere Arbeit an sich, um ihren Inhalt. Es geht um mehr als um sogenannte soziale Besitzstände.

WarnstreikDer Kollege Bruno Bienzle schreibt in der Internetzeitung kontext: Der von den Managern angestrebte Kahlschlag quer durch die Tarifwerke würde nicht nur weiteren finanziellen Einschnitten Tür und Tor öffnen und gestandenen Redakteuren eine sechsstellige Summe bis zu Rente rauben. Dieser Kahlschlag würde vor allem qualifizierten Nachwuchs abschrecken. Das heißt: Mit dem sogenannten Tarifwerk Zukunft hat der Qualitätsjournalismus keine Gegenwart und erst recht keine Zukunft.

Deshalb ist dieser Tarifkonflikt eine politische Auseinandersetzung um die Zukunft demokratischer Bürgerrechte. Deshalb müssen wir auf die Straße gehen und die Menschen informieren. Und damit wir unsere Botschaft besser transportieren können, auch mit Lust und Spaß, unterstützen uns gute Künstler. Meine Damen und Herren, ich bin sehr dankbar, dass uns auch diesmal Freunde helfen, unsere Streik-Motive mit der Kraft der Musik zu vermitteln.

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

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