Sehr geehrter Herr Wallraf,
sehr geehrte Damen und Herren,

vermutlich sind Sie verwundert, dass sich Redakteurinnen und Redakteure in der laufenden Tarifauseinandersetzung direkt an Sie wenden. Wir tun dies, weil wir über den Verlauf der bisherigen Verhandlungen zutiefst beunruhigt und höchst enttäuscht sind. Dieser Brief entstand in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen und aus dem Wunsch heraus, Ihnen einmal persönlich unsere Perspektive darlegen zu können.

Wir alle sind Journalistinnen und Journalisten mit Leidenschaft. Niemand von uns hat diesen Beruf allein des Geldes wegen gewählt, sondern weil wir diesen Beruf als wichtig ansehen und weil wir an einer gerechteren Gesellschaft mitarbeiten wollen. Doch seit einigen Jahren oder fast schon seit Jahrzehnten wird unsere Leidenschaft auf eine harte Probe gestellt; es wird immer schwieriger, die eigenen Ansprüche umzusetzen. In den Verlagen wurde und wird massiv gespart und auch Personal abgebaut; zugleich werden die Aufgaben durch Online und durch sonstige neue Geschäftszweige wie etwa das Abhalten von Kongressen stark ausgedehnt. Das ist eine enorme Belastung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Viele klagen mittlerweile über gesundheitliche Beschwerden, wie wir durch Umfragen belegen können.

Selbstverständlich sind wir bereit, an der notwendigen Neuausrichtung der Tageszeitungen konstruktiv mitzuwirken. Doch wir erwarten dafür eine grundlegende Wertschätzung, die sich auch im Gehalt ausdrücken muss. Sie wissen, dass unsere Gehaltssteigerungen in den vergangenen zehn Jahren fast immer unter der Inflationsrate lagen. Sie wissen, dass wir von der allgemeinen Lohnentwicklung abgehängt sind. Sie wissen, dass wir Reallohnverluste, etwa durch die Kürzung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld und durch die Abschaffung von Gehaltsstufen, hingenommen haben. Das kann so nicht weitergehen.

Durch Ihre rigide Haltung in der Tarifauseinandersetzung machen Sie derzeit sehr viel Motivation kaputt. Wir sind nicht maßlos, wir haben bescheidene Forderungen, wir erwarten keine Zuwächse wie bei der IG Metall oder im Öffentlichen Dienst. Aber Sie sind wieder einmal nicht bereit, uns einen echten Reallohnzuwachs zuzubilligen. Die Botschaft, die Sie damit an 13.000 Redakteurinnen und Redakteure senden, ist verheerend. Diese Botschaft lautet: Die Verleger werden weiterhin den Arbeitstakt erhöhen und immer mehr von euch verlangen, aber erwartet bloß keine Anerkennung dafür; eine Lohnerhöhung unter der Inflationsrate ist gerade gut genug für euch. Das können wir nicht hinnehmen.

Gerade in einer Zeit gesellschaftlicher und politischer Umbrüche ist verantwortungsvoller Journalismus notwendiger denn je. Als Verleger kommt Ihnen hier eine besondere Verantwortung zu. Guten Journalismus gibt es nicht zum Nulltarif.

Daneben braucht es motivierte Mitarbeiter, um die derzeitige fundamentale Umwälzung in der Zeitungsbranche zu bewältigen. Eine solche grundlegende Neuausrichtung, wie es die Druckbranche seit der Erfindung des Buchdrucks vor 500 Jahren nicht mehr erlebt hat, ist nur mit den Mitarbeitern möglich. Nur wenn alle einbezogen werden und nur wenn die Anstrengung der Menschen auch geschätzt und anerkannt wird, ist es möglich, die Wende zu schaffen. Motivierte Mitarbeiter sind Gold wert; da darf man nicht auf ein paar Euro schauen.

Wir fordern Sie deshalb auf, Ihre Haltung bei den Verhandlungen aufzugeben und uns Redakteurinnen und Redakteuren endlich einen wirklichen Reallohnzuwachs zuzubilligen. Das wäre neben der Gehaltssteigerung auch als Zeichen der Wertschätzung für uns von elementarer Bedeutung.

Wir lieben Journalismus. Zeigen Sie, dass Sie es auch tun.

Mit freundlichen Grüßen,

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