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So arbeitet ein Newsroom-Redakteur heute

Hans-Joachim Graubner

Hans-Joachim Graubner

Ich gebe zu: Ich bin wirklich voll cool. Ich mag es, unter Strom zu stehen, neue Aufgaben und Verantwortlichkeiten zu erhalten, auch mal länger als vertraglich vorgesehen zu arbeiten. Internet, Facebook, Twitter – her damit – wenn es journalistisch sinnvoll ist, arbeite ich mich halt ein.

Und der Druck ist auch da: In den vergangenen Jahren haben wir in der Redigierzentrale der Kreisredaktion der Stuttgarter Zeitung nicht nur Online als Aufgabe dazu bekommen und warten im Augenblick auf Twitter und Facebook. Wir sind aus einem kleinen regionalen Newsroom in einen großen umgezogen, wir haben eine Layoutreform sowie die Einführung eines neuen Redaktionssystems mit mehr oder weniger großen Anlaufschwierigkeiten gestemmt. Und wir haben weit mehr Seiten zu bearbeiten und zu verwalten sowie organisatorische Arbeiten zu übernehmen als jemals zuvor.

Im Jahr 2005 betreuten drei Redakteure im Dreischichtbetrieb fünf Kreisredaktionen und gestalteten mit den dort von unseren Kollegen geschriebenen und publizierten Artikeln sechs maßgeschneiderte Seiten. Koordinieren, redigieren, kürzen, verlängern, korrigieren, nachfragen, auf die jeweilige Ausgabe zuschneidern, alle Seiten wieder umbauen, Anrufe im Minutentakt. Im Idealfall sitzen in der Hauptproduktionszeit drei Redakteure plus ein(e) Mediengestalter(in) am Redigiertisch, eine von der Chefredaktion organisatorisch gut durchdacht Konstruktion. Alles haben wir im Blick, in der Summe 16 Seiten. Und alle anderen Ressorts ebenfalls, denn auf Überschneidungen ist, bitteschön, zu achten. Ansonsten gilt: fehlerfrei muss es sein, super Überschriftens müssen ruck, zuck her, und kreativ sollte unser „Angebot“ auch noch sein. Eben das, was wir unter Qualitätsjournalismus verstehen.

Ganz schön viel zu beachten

Heute: 19 Seiten, dazu noch sechs sublokale Bücher, die es zu beachten gilt, und das Internet im Hinterkopf. Das Telefon und das Gehirn laufen heiß, denn die Qualität soll ja erhalten bleiben. Ein System, das fordert. Wir haben, um es anders auszudrücken, unsere Produktivität um eine zweistellige Prozentzahl gesteigert – ganz ohne Automatisierung. Und der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Weil der Verlag schon gespart hat und noch weiter spart, weil neue Publikationskanäle hinzukommen, die von uns ebenfalls koordiniert und bedient werden wollen. Okay, was sein muss, muss sein. Machen wir, mit ungebrochenem Engagement und großer Leidenschaft für die Inhalte und den Job. Aber der Druck im Kessel steigt. Und er steigt noch mehr, wenn ich höre, dass all dies nichts wert ist – oder immer weniger wert sein soll.

Manchmal ist der Kessel kurz vor dem Platzen. Wir nehmen den Druck raus, indem wir kalauern, ein paar Züge an einer Zigarette machen, mal kurz auf die Toilette gehen. Denn wir wissen, wenn er platzt, stört‘s nur die Redakteure – sonst niemand. So cool, sprich: realistisch sind wir schon. Deswegen gehen wir im Notfall auf die Straße. Für uns, für die Qualität im Journalismus – und für unsere Kinder. Denn jeder Arbeitskampf ist auch ein politischer Kampf. Es geht darum, wie die Gesellschaft der Zukunft gestaltet werden soll. Hans-Joachim Graubner

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Über streikblog0711

Stuttgarter Journalisten im Streik

Diskussionen

3 Gedanken zu “So arbeitet ein Newsroom-Redakteur heute

  1. WEITER SO !!! 🙂

    Verfasst von Klaudia | 11. Oktober 2013, 09:11

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  1. Pingback: So arbeitet ein Newsroom-Redakteur heute | verdi8-hellweg - 29. August 2013

  2. Pingback: Der Druck im Newsroom wächst | Journalistik - 4. September 2013

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